23.2.

Eines Tages vor 14 Jahren war ich auf einer Ausstellung mit Gemälden eines noch lebenden italienischen Malers, die mich zutiefst berührten, so tief, dass ich weinte und weinte.
Ich lernte den damals 79jährigen, anwesenden Künstler Saverio Barbaro kennen, der mich in die Arme nahm und fand, ich hätte ein italienisches Temperament.
Berührt von meiner Reaktion lud er mich ein, bei ihm zu Hause in Verona zu malen.
Selbstverständlich nahm ich die Einladung an.
Mein liebster Mann hielt mir zu Hause den Rücken frei, wohl wissend, dass diese Gelegenheit ein einmaliges, großes Geschenk war.
So lebte ich sechs Wochen im heißen Italien und malte mir die Finger wund bei 40 Grad im Schatten.
Es war eine unglaublich intensive Zeit, in der ich meine künstlerischen Lektionen auf italienisch und französisch erhielt, die ich deshalb gut verstehen konnte, weil mein Kunststudium damals in den 1980er Jahren mir die Grundlagen verschafft hatte.
Dieser Maler war ein glühender Verfechter des Realismus, obwohl auch er in seinem langen Leben verschiedene Wege gegangen war.
Aber da stand er nun mit 79 Jahren und predigte den Realismus als einzig wahre Richtung in der Malerei!
Für mich war das ungemein interessant und wichtig, seine Sichtweise der Dinge zu hören und in seinen Bildern zu sehen, vor allem gab mir der Maestro persönlich Korrektur!
Ich lernte viel von ihm und bin ihm bis heute zutiefst dankbar.
Er machte sein Atelier für mich auf, ich durfte mit seinen Materialien arbeiten, in seinem Haus leben wie eine besondere Freundin.
Er war streng, verlangte Höchstleistungen und eine bestimmte Lebensweise von mir. „Morgens Öl, mittags Öl, abends Öl, nachts schlafen!“ Das war mein Tagesablauf und sein ständiger Satz!
Zum Beispiel musste ich beim Arbeiten und auch sonst Röcke und Kleider tragen, keine Hosen, durfte nicht rauchen und sollte bitte kein Heimweh haben (was ich aber reichlich hatte…).
Seine kleine, drahtige und überaus energische Ehefrau (genannt „Kommandita“) musste mir solche Dinge schonend beibringen…
Was noch einmalig und besonders war: er zeigte mir seine Heimatstadt Venedig!
Wir besuchten dort seine Schwester und Orte, an denen sich kein einziger Tourist (mitten im August!) befand!
Ich musste immer die Augen zumachen und er nahm meine Hand und führte mich, bis wir vor dem Gebäude angekommen waren, was er mir zeigen wollte. Wunderbar!
Mitten im Gewühl der Touristen dann traf er auf Schritt und Tritt einheimische Bekannte und Freunde, mit denen erstmal ausgiebig geredet werden musste.
Hier sind einige Werke aus dieser Zeit: vertrocknete Palmen, eine Bananenstaude, der Blick von seinem Land auf ein Dorf, seine Villa –  entworfen und gebaut von Andrea Palladio… Ich sollte mich immer auf das Wesentliche konzentrieren , keine Anekdoten erzählen, nur das malen, was die Seele der Dinge zeigt…
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Achtzehnter

Was braucht ein fast Achtjähriger, um glücklich zu sein?
Ein Blatt Papier und irgendwelche Stifte … dann ist Ruhe. Ab und zu ein lautes Atmen oder auch mal ein Satz: „Ich hör, wie du malst, Oma.“
Wir reden über Pinsel und weil es gerade so passt, malt er einen.
Dann geht es um Farben und ich bin baff, was er alles schon weiß. Dass Schwarz entsteht, wenn man alle Farben zusammenmischt und dass man Weiß nicht mischen kann, dass Grün aus Blau und Gelb kommt und Lila aus Blau und Rot.
Er weiß das, weil es ihn interessiert, woher, hat er vergessen, irgendwo aufgeschnappt.
In die Stille hinein frage ich: „Bist du glücklich, mein Schatz?“
Er antwortet nicht, weil er malt, ein kleines fast unmerkliches Nicken. Ich sehe es aber, das Glück, das Versunkensein, das Verweilen in der Phantasiewelt.
Wir tauschen die Blätter, er malt meins weiter, ich seins.
Er sagt: „Manchmal weiß ich nicht, wie ich anfangen soll.“ Aber dann setzt er ganz viele Punkte auf ein leeres Blatt und verbindet sie mit einfachen Linien und heraus kommt ein Wildschwein mit vier Beinen.
Er weiß sich zu helfen, kennt schon ein paar Tricks, um die Scheu vor dem leeren, weißen Blatt zu überwinden.
Stundenlang sitzen wir am Tisch und vergessen die Schlafenszeit.
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Der Dreizehnte

Mit Grippeviren war ich zugange … schönste Sonnentage im Februar habe ich verpasst …
stattdessen versucht, die Contenance nicht zu verlieren vor lauter Unpässlichkeit.
„Hohläugig“, „in der Mitte wund“, „schlapp von schlecht geschlafenen  Nächten“… kommt nun noch zum „lahmen Flügel“ dazu. Ich muss aufpassen, dass es nicht mehr wird … mehr geht im Moment nicht.
Jetzt kommt die Erholung. Sie muss kommen. Ich will malen, kann aber noch nicht gut sitzen, stehen erst recht nicht. Also? Zeichnen! Mit vielen Pausen…
Mal was Einfaches! Etwas, das von der Hand geht, das man konstruieren kann und somit nichts falsch machen. Was jeder hinkriegt, was immer wunderschön aussieht und Zufriedenheit bringt, wozu auch Farbe passt, was man also ausmalen kann und zur Ruhe kommt dabei …
Was ich meine, sind Mandalas, die sich so einfach entwickeln aus einem Achtel Stück Quadrat, das immer und immer wieder gespiegelt wird, bis die Runde geschlossen ist.
Aus simplen Formen und Linien bestehend, die dann überraschende Muster ergeben.
Das hab ich auch mit meinen Schülern gemacht, in der 7. Klasse.
Die Ergebnisse waren überwältigend! Jedes Mandala war natürlich anders und ich sah voller Freude die Faszination der Kinder über die Einfachheit dieser Technik und die Wunderwelt ihrer Werke.
Leider habe ich davon kein einziges Foto … so müsst ihr mit meinen kleinen Versuchen vorlieb nehmen.

 

Am 6. Februar

Unser Leben besteht aus täglichen Erfahrungen, wir sammeln Erlebnisse …freiwillig und unfreiwillig … mit anderen Menschen/Lebewesen, mit äußeren Umständen, Situationen.
Jeder geht anders damit um.
Man kann darüber reden, es in sich reinfressen, oder ein Bild malen, wenn man Zugang dazu hat. Entweder findet man Bilder für das, was einem auf der Seele brennt, oder der Vorgang des Malens allein bringt einen schon zu sich selbst, so dass bewältigt werden kann, was anliegt.
Künstler haben es da leicht, es ist ihr Beruf, sich mit künstlerischen Mitteln auszudrücken.
Aber ich wünsche mir, dass jeder Mensch ausreichend Handwerkszeug – und damit meine ich nicht nur Pinsel, Leinwand und Farben – zur Verfügung hat, um es jederzeit zur Lebensbewältigung nutzen zu können.
Mein Bild, was ihr unten seht, ist entstanden, nachdem meine Freundin gestorben war.
Ich wollte ein Bild dafür finden, wie es aussehen könnte, wenn jemand hinübergeht.
Was lässt er zurück … wo geht er hin? Wie kann man das Unaussprechliche malen, das keiner kennt?

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Samstag, 4. Februar

Am 5. Februar vor 8 Jahren verlor ich plötzlich eine geliebte Freundin und Künstlerkollegin.
Sie brach nach einem schönen Konzertbesuch zusammen und starb auf dem Weg ins Krankenhaus.
Simone Hartmann, 44- jährig, lebensfroh, fleißig, eine liebevolle, unglaublich tolerante Frau.
So wie sie sachte und behutsam mit Menschen umging, so malte sie auch deren Porträts, einfühlsam auf die Seele schauend. Sie empfand ihr Gegenüber stets als den wichtigsten Menschen und erkannte sein Wesen.
Das dann auch noch malen zu können, es der Welt zu schenken, war Simones großer Schatz.
Wir fanden nach ihrem Tod eine unglaubliche Fülle an Zeichnungen, Ideenskizzen, Gemälden, Aquarellen, angefangenen Arbeiten … Zeichen ihrer hingebungsvollen Liebe zum Leben, Zeugnisse ihrer vielen bewältigten Sujets.
Simones winzige Wohnung war bis in die kleinste Ritze davon erfüllt.
Dreimal bin ich mit ihren Sachen in meinem Auto von Hamburg zu meinem Atelier gefahren, um sie dort unterzustellen, weinend und fassungslos über das, was ich da tun musste. Ich fand es grausam und ungerecht, dass sie fort war, wo sie doch noch so viel malen wollte!
Aber nicht nur das, alle, die sie kannten, vermissten von nun an einen ganz besonderen großartigen Menschen … bis heute tut das weh.
In meinem Kurs hatte mich Simone einmal vertreten, jeder erinnerte sich an ihre liebevolle, wertschätzende Person und wir wollten irgendetwas machen, um sie für Momente zurück zu holen…
In liebendem und ehrendem Gedenken an sie arbeiteten wir – jeder für sich –  an der Kopie eines ihrer schönen Stillleben.
Sie war uns gegenwärtig in diesen Stunden und beflügelte unser Schaffen.
Ja, sie war da!
Simone war glücklich beim Arbeiten, Kunst machte sie glücklich.
Über ihren Tod hinaus macht ihre Kunst Menschen glücklich.

Das untere Foto ist von Birka Stroh, noch mal abfotografiert von mir, weil ich keine Datei davon habe.

Schon wieder Freitag…

Meinem Flügel geht es ein wenig besser, aber nur, wenn ich gar nichts damit mache.
Bin aber gut drauf, weil der Schlaf wieder länger und erholsam ist.
Ein Meeresbild habe ich heute für euch.
Das war bei den anderen Meeresansichten nicht dabei, weil es besonders für mich ist und  einer Erklärung bedarf.
Zuvor hatte ich schon einige verfremdete Varianten gearbeitet, das war hier nun die vierte und ich dachte, jetzt fällt mir nichts Neues mehr ein, deshalb nahm ich die beiden für mich am unangenehmsten zusammen wirkenden Farben, nämlich den Komplementärkontrast Lila/Gelb.
Auweia!
Zuerst malte ich den Himmel, dann den Strand und wand mich innerlich vor Ablehnung!
`Das geht doch gar nicht`, dachte ich … `was mache ich da bloß?`
Das Schwierigste jedoch war der Bereich dazwischen: das Meer! Welche Farbe passt dazu?
Ich probierte hin und her und nahm dann Paynesgrau und für`s flachere Wasser ein wenig Türkis, dann knallte ich das Meer hin, wie rasend malte ich!
Weil ich es nicht glauben konnte, dass es was werden würde und ich zufrieden damit sein könnte.
Aber dann war ich überrascht und nun ist es mein Lieblingsmeer. An der stürzenden Welle sieht man genau die Raserei, der ich zum Opfer fiel 🙂 …
Was meint ihr?
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