Monino, ein Zeitreisenwunder

Seit fünf Tagen sind wir zurück. Zurück von einer Reise in eine längst vergangene Epoche …
Ich mag mir gar nicht ausmalen, was ich jetzt entbehre, was mir hier jetzt fehlt!
Es war ein Rausch, der erste Augenblick in diesem Dorf MONINO, in Russland, 5 Autostunden von Moskau entfernt Richtung Westen, fast 2000 km von zu Hause entfernt!
Unglaubliche Schönheit, unglaubliche Einfachheit, Natur, Sandpisten … Der Weg bis dahin entblößte unendlich viel Gegend, Sümpfe am Rande mit totem Gehölz, bewohnte und verlassene bunte Holzhäuser, Abschüssigkeit, Gefahren, Baustellen … tausend Ampeln … Endloses Warten auf Grün …
Doch dann nach dem letzten Dorf,  nach 3 km Höllentrip, nach einer Spur, die man weder Weg noch Fahrbahn noch Straße nennen konnte und die mein Auto ermordete, verliebte ich mich auf der Stelle in dieses Dorf, diese Hügel, diese Häuser: üppig grün, karg, alt, klein, bunt, gemütlich.
Ziemlich sofort wusste ich, ALLES an mir würde sich anpassen, würde AUFGEHEN im Leben dort, würde mitmachen …
Ein kleines altes Holzhaus war meine Behausung, die Sakristei einer Winterkirche mein Schlafgemach (Foto) …
Das Plumpsklo: zu erreichen über einen fünfzig Meter langen, schmalen Pfad durch meterhohen Giersch, auf den auch die freilaufenden Pferde äppelten: plötzlich im Morgengrauen ein Riesenhaufen dampfenden Lebens! …
Aber dieser Abort entpuppte sich als ein kleines Refugium im Gestrüpp, in dem man zur Ruhe kommen konnte, wenn einen die Heerscharen von Mücken und Bremsen nicht bremsten.
Oft musste ich vorher schon ins Gras ausbrechen, morgens besonders, wenn der Drang zu stark war.
Essen kochen war ein Tagesjob, morgens um halb sieben wollte das Feuer entfacht werden, damit es um neun Kascha (russischer Getreidebrei) geben konnte.
Gezuckerte Kondensmilch, die man in Russland in Flaschen kauft, krümeliger Quark oder Marmelade haben das Frühstück zum ersten Highlight der Frühe gemacht.
Reste davon wurden mittags zu den heiß begehrten Pfannkuchen, verrührt mit Eiern, Mehl, Milch, etwas Zucker und Zimt, manchmal auch Rosinen … auf offenem Feuer in ganz viel Öl gebraten, als erster Part des Mittagskochens, manchmal mit versengten Haaren auf den Armen, weil das Öl in den riesigen schwarzen Pfannen Feuer fing …
Mindestens vier Schüsseln voll der besten Blinis, die ich je gegessen habe, waren oft in Nullkommanichts verdrückt. Man „aß“ diese Speise beidhändig und wehe, man kam 3 Minuten zu spät!
Das soll aber nicht heißen, dass es sonst nichts zu essen gab!
Selten habe ich so köstlich gegessen und war so voller Kraft danach.
Annuschka sei Dank!
Wasser aus dem Hahn kam nur, wenn Strom floss, sonst gab`s da noch eine Quelle den Berg runter.
Geschirr abwaschen ging mit dem Wasser aus dem Fluss.
Wir alle holten als menschliche Wasserketten so viele Eimer Flusswasser den Berg rauf, bis die zwei Tonnen voll waren. Mit Mücken, Bremsen und Schlamm nebenbei.
Die ganz Cleveren wollten immer ganz oben stehen gleich neben den Tonnen, damit sie nicht gefressen werden konnten … von den Insekten …
Trotz der ganzen Völlerei war zum Glück kein Gramm zu viel auf mir drauf!
Gefühlt habe ich die ganze Zeit voller Genuss ALLES in mich reingestopft.
Aber das tägliche Mühen um die Ernährung war nur ein Punkt auf der Tagesordnung.
Mehr als 60 Menschen zwei Wochen zu behüten, zu unterhalten und zum Allgemeinwohl anzustiften brauchte Menschenverstand, Überblick, Organisationstalent und ganz viel Liebe. Man musste wissen, was gebraucht wurde, was unbedingt getan werden musste.
Das wollte durchdacht und vorbereitet sein und vor allem so verpackt, dass  Menschen aller Altersgruppen sich angesprochen fühlten und freiwillig mithelfen wollten.
Die täglichen Aufgabenstellungen (lange vorausschauend ausgebrütet) zeugten von viel Weitblick, Verständnis, Bedarf und pädagogischem Geschick.
Denn es gab ja etwa 50 Jugendliche, die voller Kraft und Einsatzfreude 2 Wochen ihrer Ferien dort verbrachten und für zwei Stunden am Tag arbeiten WOLLTEN!
dav
Fortsetzung folgt …