Der Weg

Der Weg zu Dir, mein Liebling,
führt durch tiefschwarze Schluchten, durch Meere von beißenden Salzfluten, durch peinigende Starre.

Jeden Tag muss ich da durch.
Will ich auch, denn am Ende bist Du.
Der Weg zu Dir führt aber auch durch eine feine Wahrnehmung des tapferen Weiterlebens um mich rum.

Dein Vater, Deine Geschwister, Deine Neffen und Großeltern, Schwägerinnen und Schwäger, Onkel, Tanten … Freunde … sie alle stehen das durch, wir zusammen.
Wir nehmen uns in den Arm, streicheln so lieb unsere Köpfe, wischen uns die Tränen ab.
Reden über Dich, immerzu.

Jeder hat seine Möglichkeiten ausgelotet, nicht unterzugehen, wir sind super im Kreieren neuer Strategien.
… Therapeuten aufsuchen, die zuhören, gute Bücher lesen, ja sogar zwei Filme haben wir schon geschaut.

Heute morgen wollte ich mir eine Serie ansehen, die Du mir dringend ans Herz gelegt hattest.
Das ging noch nicht.

Aber ich habe den angefangenen Pullover für Isaak wieder rausgekramt, da fehlen noch die Ärmel.
Das jetzt weiter zu stricken, fordert mich total, mein Hirn raucht und ich höre Dich aufmunternd lachen. „Das schaffst du, Mama!“

Ja, mein Sohn, das schaffe ich!

davdav

Worte

Worte, liebster Schatz, höre ich so viele.

Worte über Dich, die in meine Seele fallen wie wunderschöne Perlen, die da rum hüpfen und mich so glücklich machen.
Dann bin ich ganz bei Dir und höre auch Deine Worte: „Ach Mama, wein doch nicht so viel..“ … „Mir geht es doch gut!“
Und ich spüre so sehr Deine Nähe, dass ich wieder weine.
Ach, ich kann nicht aufhören zu weinen.

Ich bin das Weinen.

Ich bin so traurig, dass Dein Leben so kurz war, dass Du so vieles nicht mehr erleben kannst: die Hochzeit Deiner Schwester … die vielen schönen Kinder, die in unsere Familie hineingeboren werden … ganz profane Dinge, wie diesen tollen Winter jetzt …

Bei aller Liebe, aller Dankbarkeit für Dich und dem hart erarbeiteten Verständnis für Deine neuen Aufgaben, tut mir doch mein Herz so furchtbar weh.

Und meine zeitweilige strikte Leugnung Deines Todes ist mein einziger Schutz.
Sonst muss ich mich einfach hinlegen und da liegenbleiben.
Dann ist aller Trost weg.
Weg weg weg … will ich auch die Gewissheit haben, dass Du nicht mehr hier lebst, wegsperren ins selige Vergessen ALLES aus den letzten zwei Wochen.

Dann ist wieder für ein paar Sekunden „Heile Welt“.
Ein Augenblick Glück, dass alles beim Alten ist.
So soll es bleiben!

Doch Dein Grab sieht aus wie ein kleiner Rodelberg … für Maulwürfe, kleine Meisen oder Eichhörnchen …

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Das neue Leben

ohne Dich, mein liebster Sohn, ist schwer zu ergreifen.

Es schleudert mich zu Boden.
Ich liege da unten und kann mich nicht rühren, kaum atmen.
Der Arzt sagt, es wird noch schlimmer.
Gerade wegen des Schmerzes, der schon da ist, glaub ich es ihm.

Ja, es wird schlimmer, immer schlimmer, immer weiter runter.
Bis jede Faser meines Körpers, jeder Bereich meiner Existenz ganz umhüllt ist, bis es so doll weh tut, dass ich es nicht mehr merke, weil ich mich schon außerhalb von allem befinde.
Da, wo Du bist.

Wenn es doch ginge: hier zu bleiben – auf der Erde – und doch ganz bei Dir zu sein!
Schwer, so schwer, nicht immer wieder umzufallen und liegen zu bleiben!
Kriege keine Luft, kriege nichts zu essen runter.

Günter bringt Kraftbrühe, die muss man nur schlucken. Gut.
Mein Vater kauft alle Radsportlerkraftnahrung, die er findet, muss man auch nur schlucken. Gut.

Spazierenschleichen, Schnee so weich, Beine so schwer, Sonne so hell.

Jeder Tag ist anders, neu, unbekannt.

Kinderfotos von Dir, einen Tag gehts, sie anzusehen, am nächsten Tag zerreißt es mein Herz, in Dein süßes Gesicht zu schauen.

Keine Musik heute, alles macht keinen Sinn, kann nicht von Dir sprechen, ohne schreien zu wollen.

Mein Sohn, ich stehe das hier durch, versprochen.

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Ein Meer

von Tränen, mein geliebter Schatz.
Weißt Du, in dieser bewussten Woche bin ich jede Nacht um 3.42 Uhr aufgewacht, der Hund auch, der taperte da unten rum …

Ich bin dann aufgestanden und habe die Zeitung reingeholt (die war uns damals noch wichtig) und draußen war Frost.
Mein Kinderherz hüpfte bei dem ganzen Geglitzer!
Überall waren Millionen von Edelsteinen, ich wollte gar nicht wieder ins warme Haus hinein …
So viel Herrlichkeit!

So wollte ich Winter haben!
Und noch Schnee dazu, ganz viel, dass ich mich reinschmeißen kann, mit den Stiefeln alles aufstieben.

Ich hab den Kindern in der Schule erzählt, wie glücklich mich das Gefunkel macht und das Geknirsche beim Gehen und dass das der wahre Winter ist, den wir eigentlich gar nicht mehr kennen … Aber der Schnee fehlte noch.

Eben saß ich draußen und rauchte eine (von den vielen, die ich grad rauchen muss) und sah den Lichterschein in der Werkstatt, in der Dein Bruder an seiner neuen Drechselbank arbeitet …
Die Glasscheibe in der Tür sah aus wie tränenübersäte Haut …
Und da wurde mir klar, dass die Welt die ganze Woche, in der Du starbst,  schon immer Tränen geweint hatte.

Aber wie konntest Du mir trotzdem so viel Kinderfreude schicken???
Du bist so unglaublich lieb!

Und heute schneit es den ganzen Tag, die Blumen auf Deinem Grab haben es nicht leicht,
ihr Köpfchen noch zu heben.
Aber sie tun`s noch, ganz wacker, wir waren ja heute wieder da und haben es gesehen.
Es ist ein Schnee wie ganz lange nicht mehr.
Ich frage nicht, warum.

davIch bin bloß so voller Liebe zu Dir und danke Dir.

Ritter Ingea

Liebster Simeon,

in diesen letzten 12 Tagen kam immer wieder etwas Neues hinzu, was ich noch nicht über Dich wusste oder was ich über die Jahre vergessen hatte.
Kleine Kostbarkeiten, so wichtige, liebe Seiten Deines Wesens.

Papa brachte ein Buch, das er Dir als Kind schenkte.
Du konntest nicht genug davon bekommen.
Das war eine Sache zwischen Papa und Dir.
Nur er hat es Dir jemals vorgelesen.
Das Buch ist dünn, es ist die Geschichte vom Ritter Ingea.

Du warst damals so sehr damit verbunden, dass Du monatelang Tag und Nacht eine dunkelblaue Schalmütze aufhattest, Deine Rittermütze.
Ich sehe Dich noch damit, hatte zu der Zeit aber nur die Erklärung, dass das ein Schutz für Dich war. Seit heute kann ich mir viel mehr darunter vorstellen.

Ich habe das Buch heute zum ersten Mal gelesen und die ganze Zeit geweint.
Weil es Deine Geschichte ist, mein geliebter Schatz!
Es ist die Geschichte über einen Ritter, der mutig und immer als Erster gekämpft hat, der streng mit sich selbst war.
Doch mild und besorgt kümmerte er sich um alle seine Lieben, um die verwundeten Gegner genauso wie um die Tiere.
Nie forderte er etwas von anderen.
Und bewusst lebte er alle Facetten seines Wesens aus.
Man liebte und achtete ihn dafür sehr.
Ich weiß, lieber Simeon, dass dieser Mann Dich stark beeindruckt hat und Du im Laufe Deines Lebens so werden musstest wie er.

Eines Tages kämpfte Ritter Ingea einen besonders schweren, langen Kampf, den er auch gewann, aber dann daran starb.
Im Tode wurde sein geliebtes und wohlgehütetes Schwert von Gott ausgetauscht und es fiel Ingea sehr schwer, es herzugeben.
Doch das Schwert, das er stattdessen bekam, hatte er sich schon lange gewünscht.
Es war ein Schwert, mit dem man sich vorwärts kämpfen konnte, das aber keine Wunden schlug.

Das neue Gewand, in das man ihn kleidete, war ihm fremd und zu groß, aber er wollte es anlassen.
„Ja, es muss gehen,“ sagte Ingea.
Als er seine Vertrauten fragte, ob sie ihm helfen werden, versprachen sie es ihm.
Und dann wurde der Ritter voller Liebe und Hingabe von seinen Leuten begleitet, dahin, wo er von nun an sein würde.

Ich bin tief berührt, Simeon, dass Du so eine besondere Geschichte schon als Kind hören mochtest und dass ich Dich so sehr darin wieder finde.

Ich verspreche Dir, ich werde Dir immer helfen.

dav

Heute

Mein geliebter Sohn,

heute kann ich nicht glauben, dass Du tot bist.
Es ist einfach nicht wahr!
Ich will Dich anrufen und Dir sagen, dass ich in 10 Minuten losfahre, um Dich abzuholen, damit Du noch genug Zeit hast, Deine Sachen zu packen.

Dann fahre ich über die Autobahn und freue mich auf Dich.
Ich komme vor Deinem Haus an und klingel durch, wie ich es immer mache und Du sagst: „Bin gleich fertig, ich trinke nur noch meinen Kaffee aus.“
Dann kommst Du runter mit Deiner Tasche, steigst ins Auto, sagst: „Hallo Mama“, drückst mich und fragst: „Na, wie gehts dir?“
Und: „Können wir noch kurz bei der Tanke halten, Zigaretten kaufen?“

Du erzählst mir, was Du alles in dieser Woche erledigt hast und wie unfreundlich die wieder auf dem Amt waren.
Wir überlegen, wie Du ein dickeres Fell kriegen kannst.
Du redest ganz leise von einem Mädchen und ich klopf Dir lachend aufs Knie.
Und dann sagst Du noch was Schönes: „Du, ich lass das Rauchen sein, hab ich jetzt beschlossen!“ Das finde ich so toll.

Wir kommen zu Hause an … der Hund kriegt sich nicht mehr ein vor Freude, Dich zu sehen.
Du fragst: „Streichelt ihr ihn auch genug?“ Und dann gehst Du erst mal ne Runde mit ihm, eine kleine, weil der Hund sehr alt ist und nicht mehr so weit will.
Du leerst Deine Tasche, stopfst das bisschen Zeug in die Waschmaschine und mir blutet das Herz, weil Du so wenig Anziehsachen hast.
Aber Du brauchst nicht mehr, sagst Du.
Wieder hast Du nicht das Winterfell in Deine Jacke geknöpft!
Ich schimpfe mit Dir, es ist doch so kalt.
Aber Du lachst bloß :“Ich frier nicht, Mama!“

Papa hat Suppe gekocht, die essen wir gemütlich, während Du von Deinen neuesten Plänen erzählst.
Und wie gut Du es findest, dass Du jetzt eine Brille hast, Du bist richtig stolz auf sie.
Ach, wir sind so froh über Dich!
Was Du alles alleine regelst und wie gewissenhaft Du geworden bist!
So erwachsen.
Ich hab natürlich Kuchen da, die Hälfte schaffst Du locker den Nachmittag über. Immer wieder schleichst Du da rum und naschst …

Und dann ärgerst Du selbstverständlich auch wie immer ein bisschen Deine Schwester, bevor ihr beide über alles Mögliche reden müsst.
Ihr seid albern, jagt euch durchs Haus wie früher und lacht euch kaputt.
Du bleibst lange auf, ich höre Dich noch nachts um zwei rumoren.
Aber das macht nichts.
Ich bin so glücklich, weil Du da bist.

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Leere

Liebster Simeon,

der zweite Tag nach Deiner Beerdigung hat mich langsam und kraftlos sein lassen.
Ich habe die Blumen für Deinen Sarg bezahlt, mich bedankt für die Sorgfalt und das große Können, mit dem sie so fein ausgewählt und arrangiert wurden.

Ich bin mit einer schmerzhaften Leere in mir rumgelaufen, fast ohne Tränen.
Wo sind die alle hin?
Zu Dir geflossen… Vielleicht tat es Dir gut, heute auch mal trocken zu wandeln?
Das Fass wird schon wieder voll bis zum Rand, sag ich Dir.

In der Gewissheit, Dich hier ganz bei uns zu wissen, muss ich Dich darauf vorbereiten, dass wir noch viel und lange und immer wieder um Dich weinen werden.
Es wird uns immer und immer wieder überrollen, wie die Meeresbrecher, von denen unsere Freundin Birgit sprach.
Du kennst sie, sie ist eine Frau der schönen Worte.
Sie hat ein Gedicht für Dich geschrieben, eine Stunde, nachdem sie von Deinem Tod erfuhr…

Dein Grab sieht schön aus, die vielen Blumen trotzen noch den eisigen Temperaturen und stehen frisch und aufrecht für Dich da, die Sonne strahlt auf Dein Grab herab wie verrückt.
Uns fallen immer mehr Dinge ein, die Du nun mitbestimmst, aber darüber schreibe ich nicht, die gehören unserer Familie ganz allein.

Wir sind erstaunt, mit welcher Kraft und Entschiedenheit die Liebe in uns Platz nimmt.
Wie wir den Blick auf das Wesentliche lenken und fast schon ein wenig ahnen, was uns da erwarten wird auf der anderen Seite, wenn wir rüberkommen.
Es muss einfach großartig und viel mehr sein als alles, was wir uns vorstellen.
Wie kann es sonst sein, dass wir uns in all unserer Verzweiflung so von Deiner Liebe umhüllt fühlen?
Sehr merkwürdig, wie sich das anfühlt.
Wir sind Greenhörner, wir kennen das ja noch nicht.

Was für Geschenke Du uns machst, geliebter Sohn!
Ich kann es kaum fassen.
Aber nimm auch bitte unseren Schmerz an, bestimmt bist Du auch traurig, dass Du nicht mehr so lebst wie wir.

Ich dachte heute gerade über die Gedanken einer Freundin nach, wie unbedarft es ist, dieses irdische Leben als das wahre und einzige Leben anzusehen.
Die wirkliche Existenz ist unermesslich viel mehr als das hier.

Doch wenn in meine Leere der Schmerz einfällt und ich Dich unendlich vermisse, trösten mich auch diese geschriebenen Worte nicht, dann zerreißt es mich, so wie damals, als Du geboren wurdest…

dav