Winter

Ich frage mich, mein lieber Sohn, wie Du das hier finden würdest.
`Das hier` ist Schnee, der fällt und fällt und fällt …
Einen Tag vor Ostersonntag, nachdem wir den heiß ersehnten richtigen Winter schon hatten.
Für einen fast Fünfjährigen ist es eine Riesenfreude, wir Älteren reden ihn uns schön.

Ich stelle mir vor, wie Du mit Max in der weißen Herrlichkeit herumtobst, den Berg runter rodelst, einen Schneemann baust für den Kleinen und nachher klitschnass wieder herein stapfst … und Dich dann mit ein paar Stücken Kuchen gemütlich aufs Sofa legst.

Das gefällt mir sehr!

Ich muss mich in mein Zimmer zurückziehen, mich warm einpacken in meine Bettdecke
und dann können meine Gedanken umherfliegen.
So leibhaftig sehe und höre ich Dich dann, so lebendig kommst Du mir vor, dass ich Dich anfassen will, umarmen, Dein liebes Gesicht in meine Hände nehmen.
Deine Mimik ist so lebhaft, Du denkst über irgendwas nach und strengst Dich an dabei. Du bist ganz dicht bei mir.
Ich brauche Dich gar nichts zu fragen, ich weiß irgendwie alles, ich verstehe Dich.
Das ist Glück, mein lieber lieber Schatz.
Du weißt doch bestimmt noch, wie sich Glücklichsein anfühlt.

Ich glaube, ich muss jetzt lernen, diese Momente mit Dir anzunehmen, zu behüten, zu pflegen und zu genießen.
Etwas anderes gibts nicht mehr. Damit muss ich zufrieden sein.

Ich will doch auch gar nicht jammern und hadern!!! Hab ich doch schon so viel!
Aber den Schmerz, diesen verdammten Scheiß-Schmerz muss ich noch zulassen und der versaut mir alles.
Verzeih die unfeine Ausdrucksweise, ich kann`s auch anders, wie Du weißt.
Aber nicht jetzt!

Jetzt ist der Schmerz wieder da und der macht alles kaputt, alles Schöne, was ich mir Tag für Tag mühsam zurecht baue.
Er ist wie der Winter, der endlich verschwinden soll!

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Geliebte Zeichen

Was habe ich Dich in den letzten Tagen um Zeichen von Dir angefleht, mein geliebter Schatz!
Ich hatte so lange keine.

Heute morgen wollte ich Richtung Gadebusch fahren zu meiner lieben Eierfrau, bei der ich 40 frische Eier zu Ostern bestellt hatte.
Als kleines Geschenk packte ich ihr eins von meinen bemalten Gänseeiern schön in Luftpolsterfolie bruchsicher ein.
Ich setzte mich ins Auto und wollte vom Parkplatz fahren.
Also Rückwärtsgang einlegen.
Normalerweise piept es kurz, wenn er drin ist.
Diesmal hörte aber das Piepen nicht auf. Ich also Gang raus, Rückwärtsgang wieder rein. Wieder ein nicht endendes Piepen.
Ich sah mich um, ob irgendwas hinter dem Auto stand, was die Warnung hervorrief.
War aber nichts da.
Inzwischen war Dietmar auf den Parkplatz gekommen und wunderte sich, dass ich nicht losfuhr.
Ich sagte: „Der Rückwärtsgang spinnt, der hört nicht auf zu piepen.“
Nach dem 4. Versuch ignorierte ich das Piepen und fuhr ich einfach los,
Als ich auf dem halben Weg zur Hauptstraße war, fiel mir ein: „Mensch, das Ei für die liebe Frau liegt noch auf dem Küchentisch…!“ Hatte ich vergessen!
Oben an der Hauptstraße wendete ich, nun nur ein kurzes Piepen beim Einlegen des Rückwärtsganges. So, wie es normalerweise ist.

Du lieber Simeon, hast mich dann erinnert, das Geschenk mitzunehmen.
Ich konnte es nicht fassen! Das gibts doch nicht!!
Breit grinsend für ich die 30 km, so dankbar war ich!

Heute Abend noch ein Zeichen:
Ich war spät abends nochmal los nach Carlow zu meiner Freundin.
Auf dem Rückweg hörte ich in mir: „Fahr langsam!“
Dann, ein Stück später: „Pass auf, Mama!“ Und da wollte gerade ein Hase von rechts über die Straße hoppeln. Weil ich so langsam fuhr und aufpasste, passierte ihm nichts.
Ich bin völlig perplex zu Hause angekommen, voller Glück!
Tausend Dank, mein Schatz!
Dass ich Deine Anwesenheit und Deine aufmerksame Hilfe so deutlich spüren durfte!
Ich freu mich so!!!

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Jetzt aber …

Hier soll jetzt gleich das Gedicht von unserer Freundin Birgit stehen.
Sie hat es für uns alle geschrieben, liebster Simeon, in ihrer allerersten Betroffenheit.
Es heißt:
Simeon ist tot.
Ich erschrecke noch, wenn ich den Satz lese.
Du aber weißt am besten, dass Du noch da bist!
Ich weiß das noch nicht immer …

Ich finde das Gedicht so wichtig und berührend, mein lieber Schatz!
Denn es sagt genau das, was los ist. So ist mein Leben im Moment.

Simeon ist tot.
Es kommt wieder und wieder.
Es wird wieder und wieder kommen,
wie die nimmermüde Brandung,
die bei schwerer See
brutal gegen die Küste donnert
und alles unter sich begräbt.
Und wenn
für Augenblicke nur
das Wasser abfließt,
dann um Luft zu holen
für die nächste reißende Welle.
Es kommt wieder und wieder.
Es wird wieder und wieder kommen.
Simeon ist tot.

Jetzt müssen wir Felsen bilden,
um stand zu halten,
um nicht fortgespült zu werden,
um festen Boden zu behalten.

Dieser Sturm ist sinnlos, gnadenlos.
Es gilt nur, durchzuhalten.
Nicht denken, nicht fragen, nur festhalten.
Den Sturm aushalten. Lange. Lange. Aushalten.

Die neue brennende Leere
ohnmächtig, kraftlos füllen lassen
mit tosenden stürzenden Wellen,
weil es nicht anders geht,
weil die Welt sich
ab jetzt und auf Ewig
anders dreht.

Simeon ist tot.

Birgit Neumann

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Ein Gedicht

Liebster Simeon!
Ich darf hier das Gedicht von Birgit zeigen, was sie geschrieben hat, als sie von Deinem Tod erfuhr. Dieses Gedicht hat sie auf der Trauerfeier vorgelesen.
Seitdem denke ich, dass sie so dermaßen richtig lag mit jedem Wort, als hätte sie selbst ein Kind verloren. Oder einen ähnlich großen Verlust erlitten.
Aber es gibt keinen größeren Schmerz, keinen schlimmeren Verlust als den eines Kindes.

Morgen ist Karfreitag, ich will mich verkriechen.
Heute hatte ich wieder einen Verleugnungstag. Heute hat es fast geklappt mit dem Selbstbetrug … Ich hätte Dich fast angerufen.
Manchmal mache ich das auch, nur um Deine Stimme vom Band zu hören, wie sie „Hallo“ sagt. Du sagst das so kurz, so schnell, aber auch so fragend, erwartungsvoll.

Es ist grausam, sowas zu machen.

Warte noch, gleich kommt ja das Gedicht.
Ich wollte wieder sagen, dass man als Mutter ein Stück von sich dem Kind mitgibt.
Das hab ich schon mal gesagt vor ein paar Wochen.
Damals wusste ich aber noch nicht, dass es für immer weg ist, das Stück.
Es wächst weder nach, noch heilt die Riesenwunde zu.
Für immer bleibt es leer dort, wund und schmerzhaft.
Das ist wohl so und von mir aus kann es leer und hohl dort sein, denn Du bist ja auch nicht mehr da, es ist leer, Dein Platz bleibt leer. Leere in mir.

Ich will Dir noch sagen, dass ich die Danksagungskarten endlich fertig habe. Das hatte ich mir so fest vorgenommen, damit ich danach Isaaks Pullover weiter stricken kann.
Ich stelle fest, dass der Alltag einzieht bei mir, die heilige Zeit ist vorbei.
Ich erfülle wieder Anforderungen.
Mühsam. Quälend und einfach falsch. So fühlt es sich an.

Eben habe ich das wunderbare Gedicht von meiner lieben Freundin nochmal gelesen und beschlossen, dass ich es im nächsten Beitrag zeige, es braucht einfach Raum.

Hier siehst Du die Karten mit Deinem bunten Leben darauf.

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Gestern

Gestern, mein Liebling, war ich ein letztes Mal in Deiner Wohnung … zur Übergabe.
Zum Glück hat eine liebe Freundin mich begleitet.

Der syrische Student hat sie bekommen. Ich bin so froh.
Weißt Du, er ist genauso alt wie Dein Bruder.
Er studiert fleißig und sein Beruf wird hier in Deutschland dringend gebraucht.
Sein Deutsch ist perfekt.
Er hat sich so viel Mühe gegeben, diese schwere Sprache zu erlernen.
Ich hatte ihn gleich gern.
Mutter und Vater sind noch in Syrien, er telefoniert jeden Tag mit ihnen.
Der gute, liebe Sohn, was müssen die Eltern sich freuen! Und wie beruhigt können sie sein!
Er dagegen sorgt sich wahnsinnig um sie, kann es kaum aushalten …

Ach, könnte ich doch auch mit Dir telefonieren!

Nun muss ich Dich noch beim Einwohnermeldeamt abmelden. Das hatte ich völlig verdrängt!
Solche Dinge muss ich nun auch tun. Ich will nicht!!!
Dazu brauche ich die Sterbeurkunde und die kann ich nicht mal in den Händen halten …
Wie soll ich denn da hingehen und sie vorlegen?
Strom muss gekündigt werden und Dein Bankkonto …
Ach Simeon!

Und dann traute ich mich eben, die letzten kurzen Videosequenzen von Dir wieder anzuschauen … von Weihnachten.
Du bist so lebendig und fröhlich!
Ich werde niemals über Deinen Tod hinwegkommen.

Sieh mal das Foto an unten …
Auf diesem nassen Steg möchte ich mit Dir sitzen und mit Dir über die doofen Mücken meckern und dann zum See rennen und reinspringen.
Das ist in Monino, weißt Du?

sdr

Das will niemand wissen …

Mein geliebter Schatz,
ich sehe in der Blogstatistik, dass der Tod ein heikles Thema sein muss.
Nicht viele haben die Beiträge dazu gelesen …
Naja, eigentlich schreibe ich ja an Dich und um meinen Halt in der Welt nicht zu verlieren, deshalb ist die Leserzahl unwesentlich.
Aber bemerken kann man es doch mal, dass über den Tod nicht oft kommuniziert wird.

Man will es einfach verdrängen, das große Abenteuer, auf das man sich eines Tages einlassen WIRD.
Niemand weiß, was dann kommt.
Ich möchte mir vorstellen, dass es wirklich so gut ist, wie Steiner sagt.
Es kann nur gut werden, weil ich Dich wiedersehe, vielleicht nicht sehe, aber ich werde mit Dir zusammensein, wir werden uns erkennen!

Ich hatte vor Jahren mal einen Traum vom Tot-Sein.
Der war nicht schön:
Alles war weiß und ganz steril, jedes Wesen hatte einen weißen Anzug an, saß ganz allein an seinem Tisch, an jedem Tisch stand nur ein Stuhl. Sie gingen dann alle herum, jeder für sich, niemand trat in Kontakt zu irgendwem, ein jeder hatte sein eigenes Tun. Dietmar war auch da, ich freute mich so, ihn zu erkennen, und rief ihn und rief. Aber er reagierte nicht, ging einfach weg und verschwand. Ich war so traurig in dem Traum.
Es waren meine Ängste, die ich träumte.

So 
wird es nicht sein!

Was hat Sir Anthony Hopkins gerade gesagt?
„Wir kommen alle nicht lebend raus hier!“
Und deshalb sollen wir alles machen, woran wir Freude haben, woran unser Herz hängt.
Mit Intensität und Überzeugung. Und Leichtigkeit.

Wir tun aber hier alle so, als hätten wir ewig Zeit, als wären wir unverletzbar und unsterblich.
Ich möchte nicht mehr so tun. Ich weiß, wie schnell der Tod da ist.
Darum werde ich nur noch machen, was mir wichtig und wesentlich ist:

In Liebe mit allen Wesen existieren, klar mit mir selbst sein, hinaus in die Welt leben, aber mich auch gut schützen.

Und jeden Tag die große Vorfreude auf Dich haben!

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Was ist der Tod? 2.Teil

Liebster Simeon, das Denken geht weiter.

Es heißt ja, die Seelen entscheiden auch über ihr LEBEN hier, also wo sie hingeboren werden möchten. Wann sie kommen, zu wem …
Es war mir bisher ehrlich gesagt immer zu viel, ausführlich da einzusteigen.
Vor Jahren hab ich ein Bild dazu gemalt, das siehst Du unten …
Ich war immer glücklich und zufrieden, dass so viele Seelen kamen und meine Kinder sein wollten.
Über den Tod habe ich nicht besonders viel nachgedacht damals, denn ich hatte zu tun.
Damit, mich um meine Kinder zu kümmern.

Was ich als Deine Mutter, mein Schatz, nicht weiß, was ich aber wissen will, auch wenns mir noch so schwer fällt, das jetzt zu schreiben:
War Dein Tod der allerschönste Moment, wie Steiner sagt?
Warst Du frei zu gehen? War es voller Liebe und Frieden? Wie ist es jetzt? Kennst Du das Wort Tod noch? Was bedeutet es nun für Dich?

Ich weiß von dieser Frau, dass Du im Frieden und in der Liebe bist und aus Aarons Traum auch. Ich will das als absolute Gewissheit haben!

Damals, als Oma starb und mein Vater und ich die ganze Zeit bei ihr waren, dachte ich, dass mich das Geschehen an Geburt erinnert, es sah so anstrengend aus bei ihr.
Aber dann, ungefähr sechs Stunden vor ihrem Tod veränderte sich ihr Gesicht plötzlich.

Es wurde so wunderschön, entspannt, nicht mehr alt, sondern jung, zeitlos.
Dieser Zustand hielt so lange an, bis die Morgenroutine im Altenheim losging, sie unbedingt noch gewaschen werden musste, 20 Minuten vor ihrem Tod.
Dann kam noch mein Onkel rein und schimpfte mich aus, weil ich alles falsch machte in seinen Augen. Und Omas schönes Leuchten verschwand.

Ich fand damals, dass der Tod, das Sterben genauso störanfällig ist wie eine Geburt.
Und wir Menschen müssen uns gut darauf vorbereiten, dass dieses Geschehen geschützt wird, dachte ich …

Aber oft stirbt man doch plötzlich, unerwartet, so wie Du, wie nimmt man das auf, was denkt man dann?
„Och Nö!“  „Jetzt schon???“  „Hau ab, ich will nicht!“  „Na endlich!“  „Ja, gut, ich komm schon!“  „Hier bin ich! Heiße mich willkommen!“
Oder denkt man gar nichts, ergibt sich blitzschnell, weil das tolle, wunderschöne Licht da ist und alles andere unwichtig wird?

Es ist ja nicht plötzlich alles aus! Der Übergang muss sich doch vollziehen!
Die Seele muss noch aus dem Körper herausfinden …

In der Odyssee wird das so beschrieben, dass der Hals aus den Wirbeln herausbricht und dort die Seele entweicht.
Warum wissen wir nichts???
Sollen wir unwissend bleiben, damit wir frisch und neu unser Leben ergreifen, wenn wir geboren werden? Zuerst mit unseren Instinkten, dann mit unserem Willen?

Vielleicht sollen wir alle die Liebe aus der Unendlichkeit hier auf die Erde bringen und fest installieren?
Und wenn wir wüssten, wie schön es auf der anderen Seite ist, wären wir vielleicht nicht so ganz bei der Sache mit der Liebe!

dav