Spontaner Blindfisch

Mein geliebter Simeon!
Weißt Du, ich mache keine Pläne mehr, schreibe keine Listen, auf denen Tagesstruktur steht. Das ist verschwendete Mühe.
Weil ich mich eh nicht dran halte.
Ich hab dann keine Lust mehr und mache einfach nicht, was ich hingekritzelt hab.
Am Wochenende war ich allein zu Hause und hab Dir ja schon erzählt, was ich da alles aus spontanem Antrieb heraus putzte und räumte usw.
Das lief doch.

Aber ich lebe im Moment so ein Leben, als würde ich es nur vorübergehend so leben.
Es dauert nicht mehr lange und dann bin ich wieder so wie früher …
Nennt man das Komplettverdrängung oder Anpassung oder psychotische Ersatzhandlung? Keine Ahnung, ob es diese Begriffe überhaupt gibt.
Und keiner passt dafür und zu mir!

Ich habe so ein Gefühl von zwei Welten: in einer gibt es Dich noch vollständig und da will ich hin und in der anderen ist es so wie jetzt und ich bin abgrundtief erschüttert und traurig.
Ich finde Dich nicht, mich selbst auch nicht, alle Menschen sind Spielfiguren in einem Szenario und eigentlich nicht wirklich da.
Ich bin nirgendwo richtig, aus allem will ich fliehen.
Alles ist mir zu viel, nirgendwo ist mein Zuhause, ich suche rum, blind wie ein Fisch.

Freunde kommen und gehen wieder nach Hause. In ihre Welt, die noch heil ist, mehr oder weniger.
Deren Erschütterung über unser Leben ist oft so heftig, dass ich Trost suche für sie.

Ich bin also zur Zeit nur noch spontan, mache nichts mehr nach Listen, keine Pläne, keine Zukunftszenarien, keine Luftschlösser.
Keine Kindheitsaufarbeitung (erledigt), keine Selbsthilfegruppen (will ich nicht), keine Therapiegespräche.

Es ist irgendwie wie eine Riesenbefreiung aus alten Mustern.

Ich schwebe zwar irgendwo in einer Zwischenwelt, aber ich fühle ALLES.
Das, mein lieber Simeonschatz, ist das einzig Gute an dieser Zeit jetzt!

dav

Therapie

Weißt Du, was ich veranstalte, mein Schatz, wenn mich die Verzweiflung überkommt wie eine unheilbare Krankheit?
Dann gehe ich in den Garten und tue irgendwas.
Ich finde massig viel von dem neuen Unkraut, das sich wie verrückt vermehrt, als wäre es radioaktiv bestrahlt worden. Ich reiße es raus!
Graben kann ich, umpflanzen, den Parkplatz säubern und alles fegen …
Ganz viel Eichenlaub, was in alle Ritzen kriecht und am liebsten bis ins Haus rein will, sammeln und verbrennen … eine Kräuterspirale bauen oder meine Blumenbank entrümpeln und neu sortieren.

Ich kann mich auch hinsetzen, mir den dicken Aquarellblock vornehmen und Linien zeichnen aufs Papier, die ich dann still und konzentriert ausmale wie ein kleines fünfjähriges Mädchen.
Ich muss dadurch die Gedanken an Dich, mein liebster Simeon, zurückhalten, weil ich aus dem Weinen so schwer wieder rausfinde.
Zu schrecklich das Vermissen, die ganze Situation, mein Leben.

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: ES IST SCHEISSE, so zu leben!
Ich gehe von hier nach da, höre anderen Menschen zu, mache sauber, ordne Dinge, sehe den Frühling und die ganze Zeit weiß ich, fühle ich, dass Du mir fehlst!
Ich freue mich über meine wunderbare große Familie, ich liebe sie alle aufrichtig.
Aber ich halte die ganze Zeit meinen Schmerz zurück, bis es nicht mehr geht.
Ich muss einen Ort für mich suchen wie eine Katze, um gebären zu können …

Ich gebäre Schmerz, Tränen, Sehnsucht, ich bin laut dabei, wenn alle weg sind …
Ich will meine Kinder nicht belasten, nicht meinen Mann.
Aber wohin soll ich all das tragen???
Zum Friedhof, das funktioniert manchmal, aber da bin ich auch nicht allein.

Es gibt immer eine Zeit jeden Tag, da geht mein Gesicht seine eigenen Wege, da verkrampfen sich meine Muskeln, Tränen kommen unweigerlich raus, laufen und laufen runter, meine Nase verstopft, irgendwann wird sie wieder frei, während meine Stimme schluchzt und ich rede dann und schluck wieder runter und weine laut, dann mach ich den Deckel wieder zu bis zur nächsten Attacke.

Das ist meine Therapie, eine andere funktioniert bei mir nicht.

So sieht das aus, mein Sohn.
Damit muss ich klarkommen. Auch wenn mein Bauch wehtut und da, wo mein Herz war, ein großes Loch ist, das sich mit meinen Tränen füllt.

Gestern wurde ich gefragt: „Wie hältst du das aus?“
Tja, wie man sieht, lebe ich … und das „Wie“ kann man oben nachlesen …

Heute sieht der Rasen unter dem Kirschbaum aus, als hätte es geschneit, der Blütenregen war so schön gestern! Mein Lieber!

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Das ist mein Feind, dieses Unkraut! Es ist unglaublich resistent gegen mein Mühen!

Blütenschnee

Nun sind wir beide allein zu Hause, mein liebster Simeon!
Alle sind unterwegs zu Oma, die morgen Geburtstag hat und neunzig Jahre alt wird!

Ich hab das Haus aufgeräumt, gesaugt und gewischt, das Bad geputzt und alles gewienert, weil ich Lust dazu hatte und auch, weil nach vielen Jahren meine liebe Freundin Dominique zu Besuch kam mit ihrem Mann.
11 Jahre aus unseren Leben hatten wir gegenseitig verpasst.
Da wieder anzusetzen, wo wir damals aufgehört hatten, war keine große Sache.
Es war sehr schön, uns alles zu erzählen.
Ich habe es bedauert, dass wir uns nicht unterstützen konnten in einer Zeit, als wir uns brauchten … einfach, weil wir uns aus den Augen verloren hatten.
Sowas passiert und manches muss man eben allein durchstehen.

Als wir unter unserem Kirschbaum saßen, der in vollster Blüte steht, (ach wie schön wäre es, wenn er dieses Jahr auch wieder Kirschen trägt!) rieselten plötzlich ganz viele herrliche weiße Blütenblätter auf uns drei nieder, ohne dass irgendein Lüftchen wehte.
Das war so ein Geschenk in unserer Wiedersehensfreude!
„Danke, Simeon!“
Sowas habe ich noch nie erlebt bei unserem Baum!
Es fing einfach an und hörte dann auch wieder auf! Sehr seltsam und wunderschön!

Wir haben viel über Dich gesprochen, mein Lieber! Ich wollte mehr und mehr erzählen, aber nach 4 1/2 Stunden war uns kalt und wir verabredeten lieber weitere Treffen …

Den Arm voller Rosen hat Dietmar mitgenommen für seine liebe alte Mutter.
Ich habe für Dich morgen einen Arm voller Tulpen gekauft, sie sind auch prächtig und werden Dir gefallen, glaube ich.
Magst Du eigentlich alle Farben bei Tulpen?
Ach übrigens, der Duftschneeball blüht auch und der Duft ist unglaublich.
Ich breche morgen früh ein Zweiglein ab und stelle es zwischen die vielen Tulpen auf Dein Grab.

Heute hab ich noch ein neues Bild für Dich, dann muss ich erst wieder welche schaffen.
Also bis morgen, mein Schatz, und mach Dir mal ein paar Gedanken darüber, ich hab Redebedarf!

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Malmaschine

Mein geliebter Simeon!
Heute ist es 11 Wochen her.
Mit einem Arm voller Rosen sind Dein Bruder und ich vorhin auf dem Friedhof gewesen.
Ich hatte Sorgen, dass der starke Regen alles platt gemacht hat.
Hatte er aber nicht.
Die Blumen sahen alle so aus, als wollten sie gerne noch 2 Tage dort blühen, also haben wir die frischen Rosen zurückgetragen und hier zu Hause ins Wasser gestellt.
Am Sonntag versuch ich es nochmal.

Es ist kühl draußen … 12°. Die Sonne scheint dazu.
Mir ist nicht nach Garten, nicht nach Grün und auch nicht nach dem Duft der Erde.

Danke, dass Du mir die Nachtigall geschickt hast, die singt übrigens auch morgens um halb sechs. Ein so süßes Tirilieren!
Seelentief und herzzerreißend …

Mein Kurs gestern Abend war sehr schön.
Die Gemeinschaft blüht und trägt zeitgleich Knospen.

Im Moment bin ich beim Malen wie eine Maschine, gut geölt, aber immer die gleichen Abläufe. Ich ziehe Striche, blind und sehend, bis ich genug zum Ausmalen habe.
Meine Farbpalette ist auch wieder breiter.

Ich schick Dir mal eins, kannst ja mal sagen, was Du dazu meinst.
Ich bin ganz Ohr.
Das, was Du unten siehst, ist eine Variation von Dillis Schuppen in Schattin, den ich vor Jahren in Öl gemalt hatte …
Vielleicht erkennst Du ihn ja.
Bitte um Antwort. Kuss

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Immer noch nicht … und immer wieder

Bilder von Dir, mein geliebter Sohn,
sind einfach plötzlich da und ich will sie greifen!
Du tauchst auf aus dem Nichts, bist da, als wäre nichts geschehen.
Gestern standest Du vor mir mit abrasiertem Bart und warst so jung und schön.
So glatt im Gesicht, dass ich Dich andauernd küssen musste …
Weißt Du noch? Weihnachten hattet ihr drei Jungs euch alle den Bart abgenommen, hattet euch abgesprochen, keiner hat gekniffen.

So hab ich Dich gestern gesehen. Und es nicht ausgehalten.
Urplötzlich überfällt mich die abgrundtiefe Verzweiflung, der Schmerz über Deinen zu frühen, verdammt ungerechten und nicht zu akzeptierenden Tod.
Verdammt, ich kann nur noch schreien.
Es ist doch immer noch nicht wahr!!!
Ich will mit Dir schimpfen, rumbrüllen wie ein Tier, an Dir zerren: „Komm doch bitte zurück!!!“
Aber Du kannst ja nichts tun, Du kannst doch nichts dafür, dass Du tot bist.
Immer noch dieses SCHEISS-UNWORT! TOT! Was soll das eigentlich sein? TOT.

Manchmal weiß ich nichts mehr, weiß nicht, was ich noch tun kann, damit das aufhört, mich zu zerfetzen.
Ich kann Dich nicht zurückholen!
Vor ein paar Tagen hab ich in irgend so ´nem Wälzer gelesen, Ihr da drüben seid traurig, wenn wir weinen.
Dir zu liebe würde ich ALLES tun, mein Schatz, aber zu weinen aufhören geht nicht!
Ich kann mich zusammenreißen … einige Zeit und Dinge tun wie das Malen, aber unweigerlich schleudert mich alles Tun auf den Anfang zurück, immer noch und immerzu und wieder und wieder.
Dann kommen die Bilder, die schönen und die schlimmen und ich falle hinein.
Ins Loch.

Warum ist das Leben so blöde eingerichtet???
Warum können wir Lebenden Euch nicht sehen, Euch nicht umarmen, nicht Seite an Seite friedlich und in Liebe existieren???
Warum vergessen wir, wie es bei Euch da ist, wenn wir doch selbst von da sind?
Nicht immer kann man träumen oder hellsichtig sein, oder glauben, dass es die Welt hinter der Glasscheibe wirklich gibt.
Was ein Trost sein kann in den Sekunden der Gewissheit – bei kleinen Zeichen von drüben – kann aber auch zur Seelenqual werden, wenn die Gewissheit abhanden kommt und die Sehnsucht übermächtig wird.

Ich hab in meiner hilflosen Wüterei ein Bild gemalt mit einer Leiter, aber wenn man raufklettert, sieht man nichts …
Auch die olle Brille ist nutzlos, die Harke erst recht!

Hör, was ich Dir sage: Ich liebe Dich weiter und weiter, immerzu … bis wir uns wiedersehen!

dav

Tanz und Regen

Es duftet draußen, mein liebster Simeon!
Nach Frühling, nach feuchter Erde, nach Lebendigkeit! So schön!
Alles ist unverschämt grün, jeder Baum hat seine Blätter entfaltet.
Das müssen Millionen Plops gewesen sein in den letzten Tagen.
Selbst die Kastanien haben ihre Riesenblätter mit Kraft rausgeschoben …

Ich war gestern Abend tanzen … stell Dir vor in Wismar!
Ein Holländer veranstaltet „Intuitiven Tanz mit Musik aus aller Welt“, er nennt das „5 Rhythmen“.
Das soll den Körper von Stress und Anspannungen befreien und zur inneren Balance und neuer Kraft führen.
Was soll ich sagen? Es war großartig!
Zwei Stunden von langsam bis gigantisch wild tanzen, springen, rumlaufen, Arme schwingen, hüpfen oder einfach nur wiegen, wie man will …
Die Musik war wunderschön, seelentief eindringlich.
Bei mir hat sie im wilden Teil meine Schutzschicht zermalmt, alles aufgewühlt.
Das war nicht so toll, ich musste auf mich aufpassen.
Du hast das gemerkt, stimmt`s?
Denn als es mir schlecht ging, war ich nicht allein …
Ich hatte Dich im ruhigen Teil so dicht an mich rangeholt, dass ich umgeben war von Deiner Kraft und das hat mich durchhalten lassen.

Es tat so gut, die steifen Glieder zu schwenken, zu spüren, wo Dehnung und Bewegung nötig waren…
Es war auch gut, die mühsam errichteten Schutzhaltungen nicht aufgeben zu müssen im Tanz, sondern sie variieren zu können, etwas auflösen, damit sie noch nützlicher sind und dann in der Erschöpfung zu fühlen, ach ja, ich kann mich selbst halten, mich auffangen.

Als ich mitten in der wilden lauten Musik war und nicht mehr konnte, weil sie mich zerriss, stellte ich mir vor, wie Du das wahrnehmen würdest und setzte mich auf den Boden, um die Vibrationen der anderen stampfenden Füße zu fühlen.
Und ich dachte, es könnte für Dich so ein Auf und Ab der Luftbewegung sein, die Du merkst. Ist das so?

Bitte versuch doch mal, mir in irgendeiner Art zu zeigen, auch durch kleine Zeichen meinetwegen, wie Du das alles findest, was ich veranstalte, um die Trauer um Dich auszuhalten. Ob es Dich interessiert, Dir auch was nützt …
Ich bin sehr aufmerksam, mein Schatz!
Ich liebe Dich, Du lieber lieber Simeon.

dav

Das Bild passt jetzt nicht zum Thema, aber zu Dir! Siehste … Dein geliebter Laptop!

 

Kalt

Wie unterschiedlich die einzelnen Tage sind, mein liebster Simeon!
Gestern so, heute ganz anders!

Nichts ist fest, es gibt keine Garantie für Gutes. Auch keine für Sicherheit.
Es bleibt nur, sich jeder Gefühlslage zu öffnen, die kommt, nichts unterdrücken, keine Ablenkung davon.
Sonst macht man sich was vor …

Soweit ich gucken kann, Wolken, Wolken, Wolken.
Es weht ein kühler Wind, das frische Grün leuchtet so unbeteiligt und so stark zum Kontrastgrau des Himmels.
Wie würde man ein Gemälde interpretieren mit diesen Farben und der wilden Realität der unerbittlichen Natur?
Dramatik, Schwere, kommende Gewitter verheißend?
Rückzug, Seelenqual …
Die Geräusche sind auch auf Anhalten gestellt, ab und zu ein kleiner Pieps … die Frösche haben ihr Paarungsgeschrei unterbrochen, ein fernes Käuzchen kann ich hören.
Sonst spüre ich Spannung in der Luft, als würde sich wirklich jeden Moment etwas entladen.
Mir ist kalt, ich hab dicke Socken an und zwei Pullover.
Gestern Abend hatte ich Halsschmerzen und Schüttelfrost und ich dachte: „Na, macht mein Körper jetzt schlapp?“

Heute in meinem Horoskop:
„Man öffnet Ihnen die Augen für Dinge, die Sie bisher überhaupt nicht zur Kenntnis genommen haben. Lockern Sie Ihre Abwehrhaltung.“

Soll ich also die Natur erleben ohne den bitteren Beigeschmack des Todes?
Soll ich mich über all das freuen, obwohl Du nicht mehr hier bist???
Wie sehr versuche ich es!
Es geht einfach nicht, mein Lieber.
Meine Hände ziehen Teerfäden beim Malen … schwarze Schlieren auf meinen Bildern.
Vielleicht soll ich auf die schwarzen Schlieren starren, bis mir die Augen rausfallen?
Was weiß ich?

Ja, so sind sie, die unterschiedlichen Tage!

Auf dem Foto: Weggeworfenes in der Herzgegend … Mann, bin ich heute wieder Scheiße drauf!

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