Kleine Taube

Mein liebster Simeon!

Eben war ich mit Deiner Patentante auf dem Friedhof zu später Stunde.
Sie hatte Blumen aus ihrem Garten mitgebracht.
Auf dem Weg zum Grab lagen unter einem Baum zwei kleine Tauben und die Schmeißfliegen waren schon dran.
Ich vermute, dass sie von Elstern, die da reichlich unterwegs sind, aus dem Nest geschmissen wurden.
Die vielen Male, die ich inzwischen auf dem Friedhof war, habe ich das laute Gebalze des Taubenpärchens verfolgt und auch gesehen , wo das Nest ungefähr sein musste.
Ein Vögelchen lebte aber noch, den Schnabel leider voller Fliegeneier.
Wir haben sie vorsichtig in die Hände genommen und erstmal gewärmt.
Deine Patentante hat sie während der Rückfahrt gehalten.
Und ich habe mich erinnert, was wir vor zwei Jahren dem Küken zu fressen gaben, das uns Dein großer Bruder zur Pflege mitbrachte.
Das habe ich aus dem, was wir zu Hause hatten, zubereitet.
Morgen kaufe ich richtiges Aufzuchtfutter.
Kannst Du Dich erinnern, dass wir die kleine Taube damals groß gezogen hatten?
Sie flog schon umher und kam immer wieder zurück, wenn man sie rief und dann hat die hochschwangere Katzenmutter Elli sie gefressen und nur die Flügel übrig gelassen.
Was war ich traurig!
Hoffentlich wird das nicht wieder so ein Drama!

Die Fliegeneier konnte ich aus dem Schnabel entfernen, aus den Ohren leider nicht.
Sie hat schon dreimal was gefressen und getrunken und zweimal gekackt.
Jetzt schläft sie in ihrem Nestchen neben mir auf dem Bett.
Mal sehen, wie es ihr morgen geht. Und was der Tierarzt zu den Ohren sagt.
Ich zeig Dir ein Foto … sie ist noch so winzig!
Aber ich musste das tun, konnte sie doch nicht einfach da liegenlassen zum Sterben!

Deinen kleinen Frosch habe ich auch wieder getroffen!

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Hallo Mama!

Mein liebster Simeon!

Das war aber so lieb heute morgen … ich sitze draußen auf der Bank und auf einmal höre ich Dich klar und deutlich: „Hallo Mama!“ sagen.
Ich hab es ganz genau gehört … es WAR Deine Stimme!

Normalerweise geht man damit zum Arzt und kriegt `ne Psychose oder sowas attestiert  und darf sich in Therapie begeben oder schlimme Pillen schlucken.
Aber hier gilt das nicht, weil ich ja gesagt habe, Du sollst Dich mal blicken lassen.
Du hast Dich zwar nicht blicken lassen, aber hören.
Ich war so berührt, hab Rotz und Wasser geheult, konnte gar nicht mehr aufhören.

Du bist also noch da.
Das wollte ich doch die ganze Zeit, mal wieder ein Zeichen von Dir!
Ich würde so gern wissen von Dir, ob Du zurückkommen würdest, wenn Du könntest …
Ob ich Dir schade, wenn ich so viel weine.
Ob es Dir auch richtig gut geht!
Ich will Dir nicht schaden, auf gar keinen Fall, mein Schatz.
Aber heute ist wieder so ein Zerreißtag!
Heute morgen große Freude und dann wieder der Fakt: das ist jetzt alles, was ich noch von Dir erwische.
Das reicht nicht. Ganz schön egoistisch und ausverschämt, was?

Du könntest sagen: Ja, aber du hast doch die 20 Jahre voller Erinnerungen und meine Klamotten, die nach mir riechen und die vielen Fotos und Filme und meine Worte in deinen Ohren ... und deine ganze unendliche Liebe.

Ich weiß doch auch nicht, was so doll schmerzt! Es ist das Vermissen, diese Sehnsucht, diese Gewissheit der Endgültigkeit, dieses Nichtvorstellenkönnen, wo Du jetzt bist.
Dieses „Hallo Mama“ in mir, was ich richtig hören will, nicht nur in mir drin.
Der Bauch, der sich zusammenzieht, wenn ich an Dich denke.
Ich hab noch nie so viel geschrieen und geweint wie jetzt. In meinem ganzen Leben nicht.
Und ich brülle im Auto rum, bis ich heiser bin und mein Herz rast.
Du weißt ja, dass das eigentlich guttut.
Aber ich habe noch nie so eine abgrundtiefe Verzweiflung gespürt wie jetzt, wenn ich brülle und schreie.
Ich könnte glatt durchdrehen.
Ich brauche noch viel Zeit, mein Lieber.
Heute habe ich noch Fotos für Dich. Von den Blumen, die in unserem Garten schon blühen …
Vergiss nie, dass ich Dich so sehr liebe!

davdavdavdav

Ratschläge

Mein liebster Simeon!

Heute fing der Tag schon mit 21° um 7 Uhr an. Das kann ja noch was werden.
Ich liebe solche perfekten Wetterzustände!
Hab ich mir immer gewünscht.
Mir kommt das vor, als wären das Geschenke von Dir!
Erst dieser richtige schöne Winter, dann der knallige Frühling und jetzt diese Hitze.
Fehlt bloß der Regen, der alles duftend macht.

Gestern wurde festgestellt, dass alle meine Hautirritationen seelisch bedingt sind, alle meine Körperreaktionen übrigens auch.
Nun bin ich wieder friedlich, weil ich nichts Schlimmes habe …
Das war ein Witz 🙂

Mein Liebi (hab ich immer zu Dir gesagt, als Du klein warst), ich bekomme andauernd Ratschläge: ich soll die Trauer nicht unterdrücken; ich soll aufhören damit, endlich; ich soll der Zeit eine Chance geben; ich soll endlich arbeiten gehen; ich soll mich ablenken … wie oft habe ich darüber schon geschrieben?
Dein Vater gab mir heute was zu lesen, das stand drin, ab wann Trauer krankhaft ist. Haben sie rausgefunden, die schlauen Wissenschaftler.

Also, wenn ich das richtig verstanden habe, darf man 2 Monate unbewertet trauern, ab da sollten die Ärzte dann eine Diagnose stellen, aber die richtige, sonst hat die Krankenkasse ein Problem.
Irre, oder???
Natürlich war der Artikel auch fein verständnisvoll.
Ach ja, und die Deutschen müssen ja auch immer alles regeln.
Ach ja, und niemand weiß so richtig mit Trauer umzugehen, deshalb brechen bei Schicksalsversehrten auch oft ganze Freundesreihen weg …
Wer soll eigentlich dafür Verständnis haben?
Die, die so einen Verlust erlitten haben?
Die, die sowieso schon wie Außerirdische behandelt werden?
Deren Leben kaputt ist?
Die, denen der Mund verboten wird, weil die Umwelt nicht geübt ist, mit dem Tod umzugehen?
„Wir reden jetzt aber nicht darüber. Punkt!“
Ach, ich hab ja Verständnis! Und zwar ganz viel.

Darf nicht mehr geweint werden?
Ich glaube, ehrlich gesagt, das darf es wirklich nicht.
Wo doch alle Welt danach giert, ihr LEBEN zu optimieren, alles schneller, alles mehr, alles schicker.
Wie sehe ich aus? Bin ich hübsch genug? Nimmt man mich wahr?
Hab ich den richtigen Job? Mit dem meisten Geld, mit dem größten Ansehen, mit dem besten Lebensstandard?

Weißt Du, mein Sohn, ich wurde gefragt, was Du denn gemacht hast mit Deinem kurzen Leben … ob Du denn schon was geleistet hattest … ob Du denn schon auf der richtigen Spur warst, wo Dir gesellschaftliche Anerkennung winkte …
Da wurde mir klar, wie VIEL erwartet wird, auch von ganz jungen Menschen schon.
Suche-und-Findephasen gelten nichts.
Früh werden die Weichen gestellt, die Kinder werden hineingesaugt in das unerbittliche Hamsterradrennen. Gefragt hat sie niemand, ob sie das überhaupt wollen.

Klar klingt das bitter!
Na und!
Ich schreibe Dir das und weiß innerlich, dass Du mich verstehst … so wie immer!
Das Band zwischen uns ist unendliche Liebe.
Darf ich Dir einen Rat geben?
Lass Dich mal wieder blicken! Ich komme um vor Sehnsucht.

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Hier kannst Du mal sehen, was ein Trauma anrichtet …

Heißer Tag

Mein liebster Simeon!
Heute sollen es 30° werden, hab schon mein dünnstes Sommerkleid  heraus
gekramt aus der hintersten Kleiderschrankecke.
Wann war es zuletzt so warm hier?
Wir haben echtes Bilderbuchwetter, alles so, wie man es sich ersehnte jahrelang.
Nun kommt es und es geht mich nichts an.
Zieht alles nur so vorbei.
Erreicht nicht nicht.

Ich denke mir gerade eine neue Befestigung für Dein Bild am Grab aus, eine, die erstmal hängen bleibt.
Ich möchte sowieso gern statt eines Steines etwas Buntes nachher aufstellen … wenn der Hügel weg ist und wir die Grabstelle schön anlegen.
Mir schwebt Dein Bild, was Du in Deiner Wohnung hattest, als Untergrund vor, dann ein schönes Foto von Dir und Deine Daten …
Es schnürt mir die Kehle zu, darüber Ideen zu haben!
Es ist falsch! Und doch steht es an! So widersinnig und furchtbar.
Und da sagt mir gestern einer, das wird schon alles besser, es wird schon vergehen, ich muss nur die Trauer zulassen.
Ganz dünnes Eis bei mir!

Passend zum Wetter zeig ich Dir ein glühendes Bild, in dem nur das frische Haus Abkühlung bringt. Nichts wie rein da und ausharren.
Warten, bis der Regen wieder fällt.
Ich fahr gleich zum Friedhof und gieße und schaue nach dem Frosch.
Alle Liebe für Dich!

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Nachholen

Liebster Simeon,
ich möchte so gern das Versäumte nachholen, den Brief von Samstag, den ich nicht geschrieben habe … einfach ALLES, was ich nicht getan habe, um unser beider Leben gut zu machen.
Es ist unglaublich, wie schwer sich solche Gedankenspiralen aus dem Hirn ziehen lassen.
Immer wieder gebe ich mir die Schuld, immer wieder frage ich mich, wie ich Dich hätte retten können.
Schon bei Deiner Geburt hätte ich nicht so ungeduldig sein dürfen.
Ja, ich habe das schon oft hier geschrieben …
Schuldgefühle sind schrecklich und ich höre schon wieder aus allen Ecken Tipps und Hinweise, damit aufzuhören.
Leute, sie kommen und man muss sich einfach damit auseinandersetzen, sonst wird man sie nie los!

Den Brief kann ich aber noch schreiben, Dir erzählen, wie wir zu fünft die Autofahrt überstanden haben, wie wir unsern ganzen Kram in den Berliner Garten gefahren haben, genauer gesagt, Deine Brüder waren das … mit dem kleinen alten Handkarren.

Wie ich den schönen Garten bewundert habe, all die kleinen liebevollen Hochbeete mit reichlich Pflanzen drin, so eine Vielfalt!!!
Der kleinste Winkel absolut genutzt!
Wie wir in der Hitze des späten Nachmittags wieder abgereist sind und abends über den Tatort schimpften.
„Was guckt ihr euch auch immer wieder den Mist an!“, hör ich Dich sagen. Du fandest Tatort schon immer doof.
Bei allem Respekt für die Filmemacher und Schauspieler, aber das Geblödel von manchen Leuten ist unerträglich.

Heute zu Hause hatte mein Kopf  viele Anregungen aus Berlin zu verarbeiten, ich wollte am liebsten auch gleich so gemütliche Ecken in unserem Garten errichten.
Dachte voller Bewunderung und Liebe an meine fleißige Familie … und was das für ein guter Film wird!
Aber ich war so schlapp, so erledigt …
Und die Trauer um Dich war so groß und überwältigend, dass ich hier rumgetigert bin und gar nichts machen konnte.
Das Einzige, was mich dann zur Ruhe brachte, war wieder die Kunst und ich zeig Dir gleich eine neue Variante.
Bis morgen, mein Schatz, ich lieb Dich so sehr!

mde

Ich muss raus!

Mein liebster Simeon!

Könnte ich doch etwas Ruhe finden!
Ich halte es an keinem Ort aus. Oder nur kurz immer. Dann will ich irgendwohin fliehen.
Nur weg, raus, fort von den ständigen Gedanken daran, dass Du nicht mehr lebst.

Ich schrieb ja schon davon, dass oft keine Strategie mehr hilft, die Leere, die Du hinterlassen hast, zu ertragen, auszuhalten.
Also zum Aushalten/Halten muss man sich selbst stoppen, seinen eigenen Gedanken Einhalt gebieten.
Aber die Gedanken sind das Eine, die Emotionen das Andere.
Was ist, wenn man schon immer eher emotional als rational veranlagt war?
Was ist, wenn diese Veranlagung die Oberhand gewinnt?
Man liest immer von Ausgleich, Harmonie … ins Gleichgewicht kommen.
Ja, so leicht liest sich das, so leicht lässt sich darüber schreiben!

Ich finde, das wahre, echte Leben schlägt einem gerne mal um die Ohren, was in dem, was man lebt, bloße Theorie ist … weit weg von der gut funktionierenden Anwendung.
Man glaubt sich in einem guten Fahrwasser: „Ja, ich halte den Kopf hoch, ich gehe nicht unter!“
In Wirklichkeit sind die Lungen voller Wasser und Staub und man sucht am schlammigen Grund rum mit blinden Augen.

Ja, mein lieber Simeon, es gibt solche Tage!
Ich muss mal raus! In den Garten … oder zum Friedhof … mein Radius ist klein.
Schnell will ich wieder in sichere Gefilde, mein Zimmer, mein Bett, den Sessel oder an den großen Tisch.
Ich lege Wäsche zusammen, räum die Spülmaschine ein und aus, räum auf, putz das Bad, wische den Boden, aber nichts macht mir die Gefühle weg.

Finde kein Bild, was zu dem Thema passt …
Ich hab Dich so lieb, mein Schatz!

dav

dav

Wahnsinnswochenende

Mein liebster Simeon!

Du ahnst gar nicht, wie aufwändig ein 3-Minutenfilm in der Herstellung ist.
Wochenlange Planung: Drehbuchschreiben, Ablaufplan, Dashboard, Kameraeinstellungen, Ausklügeln: wer-macht-was? was -für-Technik?, Zeitplan, Drehorte, Zubehör vorbereiten, Kleidung und Requisiten nähen, Studio aufbauen … und noch viel viel mehr.
Und dieser Film, der ein großartiges Kunstwerk wird, macht mich so traurig, uns alle, weil er ja nur entsteht aus dem Vermissen heraus.
Du bist nicht mehr bei uns, wir haben uns alle hineinbegeben in das Unweigerliche. Es wieder aufs Neue durchlebt.
Deine Schwester hat so mutig und voller Liebe dieses Werk erschaffen. Ich liebe sie sehr dafür.
Aber natürlich wäre es millionenmal besser gewesen, sie hätte einen ganz anderen Film machen können, einen, in dem sie nicht Deinen Tod verarbeiten müsste, weil Du noch lebst.
Es war total anstrengend, für alle Beteiligten, ein Wahnsinnswochenende mit zwei Gewittern, einem kurzen und einem noch kürzeren … Danach ein paar Minuten frische, duftende, feuchte Luft und etwas Abkühlung, Aufatmen.
Das Wetter  spielte gut mit, aber es verlangte uns viel ab bei 28°.
Wie Du das alles wohl erlebt hast? Das habe ich mich oft gefragt … gestern und heute.

Der wunderschöne Garten, das herrliche Refugium dieser tollen kleinen Familie, Dein süßer, lieber Neffe, der frei von der Leber weg von Dir spricht und alles versteht, die lieben Menschen, die geholfen haben … alles war gut, Simeon. Es war außergewöhnlich gut.

Ich zeige Dir ein Bild von Max Sandspielecke, die Du, glaube ich, noch nicht so kennst…
Gute Nacht, ich bin erledigt. Bis morgen, ich hab Dich lieb.

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