Rock an der Kirche

Mein liebster Simeon!

Wir waren heute seit Ewigkeiten mal wieder bei „Rock an der Kirche“.
Es war viel los, kein Regen, viel für die Ohren, für die Kehle, den Bauch.
Liebe Menschen, Umarmungen, Tanz, Lebensfreude …

Ich habe mich daran erinnert, dass wir mal da waren, als ihr Kinder noch klein wart.
Du fandest das alles ganz doof und wolltest nach Hause, musstest aber noch ein bisschen auf uns Eltern warten, weil wir unseren Spaß hatten.
Du hast Dir dann in einer Ecke dicht an der Kirche eine Behausung gebaut, sie sah ein wenig aus wie ein Zelt und hast Dich ganz darunter vergraben.
Nichts von Dir hat hervorgeschaut und Du warst sauer.
Wir sind dann wegen Dir schnell nach Hause, wo Du wieder zur Ruhe kamst.
Es war einfach nichts für Dich. Viel zu laut.
Viel zu viele Menschen.

Jeder Ort, an den wir gehen, hat irgendwie immer mit Dir zu tun.
Das ist schön, aber auch schmerzlich.
Heute kam ein Freund Deines Bruders in unseren Garten und ich dachte, da kommst Du!
Das war seltsam vertraut und verstörend zugleich.
Ach Simi!

Deine Patin hat mir heute eine wunderschöne Kette geschenkt.
Sie hat den Anhänger selbst geschmiedet aus Silber.
Ein Kleinod mit Geheimnis und das Geheimnis bist Du.
Da ist eine Öffnung in der Oberfläche und wenn man darin sucht mit den Augen, steht da Dein Name so fein und wundersam. Von Sternen umgeben.

Was für ein Geschenk!
Ich kann Dir erst morgen ein Foto davon zeigen, heute nur eine rote Rose mit viel Liebe.

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Vollbad

Mein liebster Simeon!

Heute hatte ich das, was ich mir gestern so sehr ersehnt habe: ein Vollbad.
Ein Vollbad für meine Seele.
Ich traf die gute Entscheidung, doch zum Abiball an die Schule zu gehen, an der ich mal unterrichtet habe.
Die Einladung bekam ich vor vielen Wochen und wusste so kurz nach Deinem Tod nicht, ob ich eine derartige Feierlichkeit durchstehen könnte.
Aber heute wollte ich hingehen und es war so schön, mein Schatz!
Es war genau richtig, an einem Freitag, diesem für mich fürchterlichen Wochentag, aus dem Haus zu gehen, um Menschen wiederzusehen, die mir mal wichtig waren.

Und wie sie strahlten und sich freuten, diese jungen herrlichen frisch gebackenen Abiturienten!
So einen Abschnitt im Leben gemeistert zu haben, muss gefeiert werden.
Es war sehr schön für mich, meine ehemaligen Schüler erwachsen und in diesem Zustand der Freude, der Erleichterung, des Stolzes auf sich selbst zu erleben.
Sie waren so lieb zu mir.
Ich erinnerte mich daran, wie gern ich sie alle hatte und wie mir ihr Vorwärtskommen am Herzen lag.
Darin badete ich und ich badete auch im Verständnis und Mitgefühl meiner geschätzten ehemaligen Kollegen.

Balsam für meine Seele, so viel Zuneigung und liebevolles Begegnen hatte ich nicht erwartet, ich wollte ja nicht ausverschämt sein.

Dankbar und lächelnd und ganz vorsichtig, um kein Tier zu gefährden, bin ich langsam nach Hause getuckelt und habe eben, so aufgetankt, wie ich war, noch 11 Gläser Marmelade schnell gekocht.

Dankbar schicke ich Dir alle Liebe, die ich heute Abend bekommen habe und behalte auch was für mich.

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Ganz spät

Mein liebster Simeon!

Für mich ist es heute schon spät. Ich war den ganzen Tag müde, schlapp und hatte Kopfschmerzen.

Weißt Du, ich ahne nie, wie der Tag wird …
Das Wetter mag schön sein, wir hatten 25 Grad bei viel Sonne und in mir drin schaut es doch trüb aus.
Auch ohne Trauer, auch ohne Zorn.

Ich hatte heute Sorge, dass meine Anker keinen Grund mehr finden, dass ich forttreibe in die Lethargie hinein.
Du kannst Dir gar nicht vorstellen, was für seltsame Phasen es so den Tag über gibt.
Meine Seele braucht ein Vollbad, aus dem sie aufsteigt … angefüllt mit Zuversicht, Lust, Energie und Freude.

Ich möchte auch ganz spät noch im Garten sitzen, die Dunkelheit langsam kommen  sehen, den Katzen beim Spielen zuschauen, die Düfte der Pflanzen aufnehmen und nicht immer nur müde sein.
Nicht mehr vermissen, wieder Appetit haben.
Es geht aber nicht auf Knopfdruck!

Ich glaube, ich habe Kopfschmerzen, weil mich das Grabausheben so verspannt hat.
Der Hund fehlt mir.
Ich gehe durchs Haus und kann schlurfen und überall langlaufen, ohne die Beine zu heben. Das ist praktisch eine neue Erfahrung. Niemand liegt im Weg …
Billy war immer aufmerksam und lieb, wenn es mir schlecht ging.
Er war einfach da, nun ist er weg und die Stille tut mir weh.
Aber ich freue mich für Dich, dass Du ihn jetzt bei Dir hast.

Mit Anker meine ich auch das Malen, zwei Tage nichts gemacht, ich dachte schon, das war`s jetzt mit der Kunst.
Ich zwinge mich zum Zeichnen und gebe die Hoffnung nicht auf, dass ich Freude haben werde.
Man soll sich ja in solchen Situationen wie meiner zu nichts zwingen, manchmal rettet einen das aber.

Was ich Dir heute zeige, ist eine Mischung aus einem alten Bild und einer Atelierecke.
Was meinst Du?
Hab Dich lieb.

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Ganz früh

Ganz früh, mein liebster Simeon, hab ich heute im Garten Beeren geerntet.
Nun sind sie sauber, mit Kirschen gemischt und ruhen 3 Stunden im Topf mit dem Gelierzucker zusammen.

So viele Kirschen sind noch da sowohl abgepflückt als auch am Baum.
Ich werde den ganzen Tag damit beschäftigt sein, wenigstens die gepflückten Früchte zu verarbeiten.
Einfrieren, einkochen … mal sehen.
In der Zwischenzeit kaufe ich die Blumen für Billys Grab.
Und zeichnen will ich auch.
Die Stachelbeeren sehen in der Masse unglaublich schön aus, sie haben eine ganz tolle Farbe und die Haut hat Muster.
Sehr anregend zum Zeichnen.

Ich habe wieder angefangen, mir einen Tagesablauf zu schaffen.
Durch die vielen letzten Ereignisse war das nicht möglich, ich war ja andauernd unterwegs.
Aber die Struktur ist wichtig.
Womit wir uns hier alles abmühen, ich kann Dir sagen!

Nach der Fußballpause bin ich wieder zurück und muss gestehen, dass mich die Niederlage nicht getroffen hat, ist ja nur ein Spiel!

Billys Grab ist fertig, mitten im Garten, mitten im Weg eigentlich … so, wie er auch immer im Weg lag. Das passt.
Ich schicke ein Foto und ich liebe Dich!

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Gelöscht

Mein liebster Simeon!

Eben habe ich einen kompletten Brief an Dich gelöscht.
Der war privat und Du kennst ihn schon, also muss ich ihn hier nicht nochmal zeigen.
Drüber schlafen konnte ich nicht, hab`s kurz entschlossen getan.

Nun fange ich noch einmal von vorn an.
Geliebter Sohn, der Du froh und glücklich bist. So will ich denken.
Vorhin empfand ich nur unbändige Wut auf alles.
Doch die kam schön raus beim Autofahren und hat sich nun in Luft aufgelöst.

Vorhin haben wir unseren Hund begraben, sehr dankbar und ehrenvoll.
Er hat sein Lieblingsteil dabei, seinen Fressnapf.
Und Blumen.
Und einen Origamikranich von der Tierärztin. Seine Decke auch.
Er ist gut gerüstet für die Reise zu Dir.
Aber da ist er ja längst.
Kann mir vorstellen, Du standest hier schon parat und hast ihn liebevoll empfangen.
Sein kleines Grab schaut traurig aus.
Doch mit ein paar Pflanzen, die ich morgen einkaufe, wird es schön und besonders, so wie er auch war.
So seltsam heute im Haus und im Garten ohne ihn!
Kein wirres Raus und Rein, kein Umfallen, kein Hängenbleiben an der Schwelle.
Jetzt hat er seinen Frieden, nichts tut mehr weh …
Was wird er umherwetzen und in die Luft springen … so wie einst, als er noch jung war!

Ich habe auch meinen Frieden damit gemacht, dass wir ihn ziehen ließen.
Ich bin froh, dass wir so viele Jahre mit ihm zusammen sein durften, sein Naturell erleben, seinen Charakter erkennen und auch seine Unarten.
Er war eben ein Hund, unser Hund, Dein Freund.

Habt eine gute Zeit, er hatte Liebe von uns dabei, hast gemerkt?
Ich zeig Dir ein Foto von seinem Grab.

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Lehmbatzen und Steine … aber das mach ich noch schön alles.

Unser lieber treuer Billy

Mein liebster Simeon!

Wir haben heute eine sehr schwere Entscheidung getroffen.
Unser Hund kann nicht mehr.
Er ist heute morgen schon bei einer kleinen Bodenwelle zusammengebrochen und kam so schwer wieder hoch … nach ganz langem Zureden erst, dass wir denken, es ist Zeit für ihn, zu gehen.
Nun wird heute Abend eine ganz liebe Tierärztin herkommen und nochmal schauen, ob es so richtig ist.
Du glaubst gar nicht, wie so eine Entscheidung gegen mein natürliches Empfinden geht.
Ich hab mir so sehr gewünscht, dass er von allein stirbt.
Jeder Gang ist Quälerei für ihn, seine Hinterbeine knicken unter ihm zusammen und er hat keine Gewalt mehr über sie.
Er frisst noch und trinkt. Dabei bricht er aber auch ein und frisst liegend …
Er ist total verwirrt im Kopf und macht seine Geschäfte auch drinnen, hab ich ja schon geschrieben. Er kann nichts dafür und es ist auch nicht schlimm, sauber zu machen.

Wie soll man als Mensch das festlegen??? Wann darf er sich verabschieden, wann ist es genug???
So lange Hoffnung, dass er noch sein Leben genießt … dass er sich wieder erholt. Aber es wird nicht besser. Er erholt sich nicht mehr.
Er ist nach Menschenjahren uralt, über 14 Hundejahre und er ist groß, wie Du weißt.
Und nun zu wissen, dass er heute seinen letzten Tag hat, ist grausam für mich.
Ich komme mir vor wie eine Mörderin.

Was für eine Scheiße! Ich will das so drastisch sagen, denn es tut mir unendlich weh, Deinen treuen Freund gehen zu lassen.

Ich will nie wieder einen Hund haben!
Bei aller Freude, die man hat, ist doch das Ende auch für uns eine Qual, nicht dass sein Alter und alles, was damit zusammenhängt, uns nervt.
Es ist die Entscheidung über seinen Tod.
Sowas will ich nie nie nie wieder tun müssen!

Seit 5 Stunden arbeite an seinem Grab, ich hacke nur Lehm und ich bin erst 45 cm tief.
Zuerst waren es Wurzeln und Steine, jetzt Riesensteine und knallharter Lehm.
Als wäre das eine Strafe für diese Entscheidung …

Simeon, heute ist der 25. Juni, ein Montag.
Vorhin gegen halb zehn abends ist Billy eingeschlafen.
Er hat jetzt keine Schmerzen mehr!
Ich hoffe, ihr begegnet euch!

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Blaue Aussicht

Mein liebster Simeon!

Heute ist bestimmt der letzte trübe Tag, bevor der Sommer zurückkommt.
Wir haben so viele Kirschen.
Es ist schade um sie, wir werden die Ernte nicht allein schaffen, geschweige denn das Aufessen oder das Verarbeiten.

Mein 2:1 Tipp gegen Schweden gestern hat gestimmt. Ein sehr spannendes Spiel … bis zuletzt.
Das hätte Dir gefallen. Wir haben uns gestern gemeinsam erinnert, dass Du doch Fußball geschaut hast bei den WMs.

Deine Schwester ist wieder los zu ihrem Praktikum, Dein Bruder schreibt an seiner Bachelorarbeit, Dein Vater wird gleich kochen und ich liege hier oben schlapp und ausgelaugt rum.
Ich hab schon gemalt und an meinem Pulli weitergearbeitet, aber ich bin sowas von unlustig.
Nichts macht mir Spaß, ich überstehe irgendwie den Tag.
Bemühe mich, die Trauer auszuklammern, erst durch Aktionismus, jetzt durch Schlafen.

Das fertige Bild von heute früh kann ich Dir zeigen.
Ich machte die Grundzeichnung im Atelier, da stand so ein größeres, angefangenes Bild
neben dem Ofen …
Das Ausmalen erfolgt immer etwas später, wenn ich die Szene nicht mehr vor der Nase habe, und ist reine Phantasie.
So arbeite ich gern.
Am Anfang das Schräge/Chaotische und am Schluss nach all der Arbeit soll man Komposition und Absicht erkennen. Schauen, wo der Einstieg ins Bild ist, wo die Farben sitzen, in welchem Rhythmus sie verteilt sind, ob ein Gleichgewicht herrscht, das man gern ansieht.
Darum bemühe ich mich, das ist pure Freude und Lust.
Nur heute gehts nicht.
Ich hab das zweite Bild weggelegt und lasse es warten, bis ich meine Erschöpfung überwunden habe.

Mein Schatz, fühl Dich geliebt und frei und hab Freude!

mde