181.er Brief bei 38 °

Mein liebster Simeon!

Wenn ich mich nicht verzählt habe, schrieb ich 181 Briefe an Dich seit dem 22. Februar.
Es war der Tag nach Deiner Beerdigung, als ich damit anfing.
Bis heute rettet mich jedes einzelne Wort aus der tiefschwarzen Nacht.
Weil jedes einzelne Wort die Tür zu Dir öffnet.
Von Zeit zu Zeit höre ich Dich antworten, Du weißt ja, dass ich nicht rumspinne und Dich wirklich laut und deutlich wahrnehme!

Du weißt, dass der Preis für ein wenig Ablenkung hoch ist, der Absturz danach tief …
Und weißt Du, dass ich immer noch rauche? Na klar weißt Du das.
In der schlimmsten Verzweiflung klammere ich mich an dieses verheerende Kraut und habe Erleichterung. So ist es.

Wenn ich Dir von heute erzähle, muss ich unbedingt ein Foto mit Wasser dazu zeigen, denn sonst hältst Du die Hitze nicht mal beim Lesen aus.
Also wir befinden uns hier in den Tropen.
Bei einem Schritt vor die Tür ist man sofort von heißer Luft umgeben, nichts als heißer stiller Luft!
Man will zu Hause sein, die Füße in Eiswasser stecken, nachdem alle Klamotten vom Körper geflogen sind und entweder nur sitzen oder liegen.
Kein Aufräumen, alle Finger stillhalten und Serien schauen … oder so.
Ich gieße dermaßen schlotterig die Pflanzen im Garten, dass ich – zum Glück für mich – ziemlich nass werde dabei …
Aber sie sehen trotzdem so arm aus, so, als hätten sie bereits aufgegeben.

Nur auf Deinem Grab strotzen die Gewächse vor Kraft und ausreichend Frische.
Ich liebe es, gegen Abend Fahrrad zu fahren und den heißen Wind auf der Haut zu spüren.
Ich liebe es, wie die Grillen zirpen und dass beim Schlafengehen das Himmelsrot so leuchtet.
Und immer noch kein Ende in Sicht. Wir werden weiter braten.

Ich sehe Dich in der See liegen und Dich aalen vor Wonne, willst gar nicht mehr raus!
„Mama, können wir nicht hierbleiben und am Strand schlafen?“
Natürlich, mein Schatz, wir machen Betten aus Sand und lassen für uns das Meer ein Schlaflied rauschen! Na klar!
Es ist schön, mir das vorzustellen, bis ins Detail!
Aber Du bist fort.
Und meine Liebe muss ich dem Abendwind übergeben, damit er sie zu Dir trägt.

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Ein drei Jahre altes Foto aus besseren Zeiten … siehst Du rechts hinten das kühle Stück Meer??

Dankbar

So dankbar bin ich, mein liebster Simeon, dass Deine Schwester, ihr Mann und ihre beiden Kinder noch leben!!!
Dass sie diesem bescheuerten Raser, diesem gewissenlosen Idioten, der den Unfall verursacht hat, dass sie dem Tod entkommen sind.
Der materielle Schaden ist immens, aber das ist zu ersetzen!
Wir sind doch eine Familie und helfen uns gegenseitig.
Meine Liebsten leben. Das ist das Wichtigste!!!
Ich kann nur immer wieder DANKE sagen.

Und ich bete darum, dass solche Menschen, denen völlig egal ist, was sie ihren Mitmenschen durch rücksichtslosen Egoismus und abgrundtiefe Dummheit zufügen,
hart bestraft werden.
Es muss richtig wehtun, was sie als Schmerzensgeld und Strafgebühr zahlen sollen. Eingesperrt gehört der!
Ich bete, dass der Typ gefasst wird!

dav

Aktualisierung:
Mein Schwiegersohn hat auf Facebook einen Spendenaufruf gestartet, den ich voll und ganz mittrage.
Ich möchte meine Leser hier darauf aufmerksam machen und alle herzlich um Unterstützung bitten.
Es kann nicht sein, dass Existenznot durch einen rücksichtslosen Mitmenschen verursacht wird, der dann ungestraft davon kommt.
Es darf nicht sein, aber es ist so.
Der Typ ist geflüchtet und kann nicht ermittelt werden!
Den gesamten Schaden muss die kleine Familie begleichen.

Ein gründelnder Karpfen

Ein gründelnder Karpfen in der schlammigen Tiefe eines Gewässers oder der Igel, der nachts durch unseren Garten läuft und inzwischen jeden Winkel kennt … diese Wesen leben ihr Leben so, als würde es uns Menschen gar nicht geben.
Die machen sich keine Gedanken, wie toll dieser Sommer sein könnte, wärest Du noch hier, mein geliebter Sohn!

Wir hatten ein schönes Wochenende, mein Schatz!
Am Freitag trafen wir diese wunderbare kubanische  Salsa-Gruppe, eine Frau, zwei Männer, die einfach großartige wundervolle Repräsentanten ihres Landes waren mit ihrer Musik. Wir waren so berührt!

Gestern die schöne Hochzeit, zur Party bis nachts um drei hat sie sich entwickelt.
Ja, wir haben alle getanzt und ja, wir waren ausgelassen und fröhlich.

Uns war auch bitter klar, dass wir nie erleben werden, wie Du Dein Leben mit einem geliebten Menschen teilst, niemals Dich tanzen sehen werden …
Du solltest dabei sein!
Der DJ hat ein gutes Ding nach dem andern gebracht, wir standen kaum still.
Und es war so heiß in der Scheune, dass die Luft dampfte von unserem Schweiß.
Ich hab sogar die Salzkristalle auf dem Gesichtern glitzern sehen, wenn der Wind draußen seine Arbeit getan hatte …
Ein Gewitter zog vorbei und lud ordentlich was ab. Es stürmte und donnerte …
Ja, ein gemeinsames Leben ist so, nie gleich … voller Überraschungen und Herausforderungen, voller Gefühle und manchmal fast nicht zu bewältigen.

Nun denke ich an Karpfen und Igel und beneide sie mal ein wenig um ihr gleichförmiges Dasein.
Hochzeitsblumen hat Deine Cousine für Dich mitgegeben, wunderschöne.
Sie stehen schon bei Dir.
Wir lieben Dich alle so sehr!!!

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Hochzeit

Mein liebster Simeon!

Morgen feiert Deine Cousine Hochzeit.
Liebevoll hat ihre ganze Familie alles vorbereitet.

Die Liebe zu feiern ist so besonders und schön!
Und Du wirst dabei sein.
Wir nehmen ein Foto von Dir mit, das hat sie sich gewünscht.
Ich werde die Aufregung fühlen,  das Versprechen mittragen, mein eigenes innerlich aufsagen und es Deinem Vater noch einmal von Herzen geben.
Das ist nämlich ansteckend. Und was kann inspirierender sein als Liebe?
Als Gast bildet man mit seiner eigenen Liebeskraft eine tragende Basis für das Hochzeitspaar, finde ich.

Rein äußerlich werde ich das Parfüm, was Du mir zu Weihnachten geschenkt hast, Du lieber Schatz, auftragen und mein silbernes Kleid und die silbernen Schuhe anziehen.

Weißt Du, wie sehr ich mir als kleines Mädchen  zauberhafte Kleider gewünscht habe?
Ich war ungefähr 6 Jahre alt, lebte in den Märchen, die meine Mutter mir jeden Tag immer wieder geduldig vorlas, und schuf mir meine wundersame Traumwelt.

Merkwürdig, dass ich jetzt noch weiß, was ich damals gefühlt habe, es ist über 50 Jahre her …
Das spielt sich alles nochmal ab vor meinem inneren Auge, ich höre alles, rieche die Pappeln vor meinem Zimmer, höre auch die Nachbarn unten rumoren, die halbwüchsige Tochter, die ich für ihre Zeichenkünste liebte …

Und meine Gefühle!
Vertrauensvoll, aber auch schon damals in Traum und Wirklichkeit mit Glückseligkeit und Ängsten gleichermaßen zu Hause …
Neben meinem Bett stand ein Sessel, den habe ich mir immer abends hingerückt, so, dass ich beim Aufwachen gleich die ganze Herrlichkeit an Kleidern sehen konnte, die ich mir in der Nacht ersehnt hatte.
Ich dachte damals, es reicht aus, fest genug zu glauben und immerzu Gott zu bitten, dann sehe ich eines Morgens wirklich den Berg aus Gold, Silber und Edelsteinen.
Zuerst hatte ich mir immer ganz viele gewünscht, dann drei und letztendlich nur noch eins, „wenigstens ein kleines …“, weil das Bitten nicht so funktionierte …

Die Enttäuschung beim Aufwachen, wenn es wieder nicht geklappt hatte, war groß und überflüssig, aber das wusste ich damals ja nicht.
Heute hab ich so schöne Kleider, mache mir meinen Schmuck selbst und wundere mich, wie lange Kindheitswünsche manchmal brauchen, um in Erfüllung zu gehen.

Ich weiß auch noch in allen Einzelheiten, wie sehr ich mir den Bruder ersehnt habe, dessen Tochter nun heiratet … Da schrie ich schon im Kindergarten den Storch auf dem Dach des Altenheimes an, dass er ein Guter ist und einen Bruder bringen soll.

Kennst Du diese Sprüche: „Klapperstorch, du Guter, bring mir einen Bruder …“ ?
Bei Schwester musste man „Bester“ sagen und wenn man einen Roller wollte: „Oller…“

Ich werde auf der Hochzeit an Dich denken, mein Sohn, an Deine Träume und Wünsche und tapfer nicht weinen, höchstens aus Rührung oder Freude über dieses schöne Paar.
Teil werde ich sein, mittendrin und kein steinerner Gast – verborgen in meinem Universum …
Vielleicht tanze ich wieder, hüpfe und springe lebendig in diese Welt hinein!

Ich kann Dir morgen also nicht schreiben, aber stattdessen alles erzählen.
Vielleicht tanzen wir zusammen, ich breite meine Arme aus für Dich!
Fühle Dich über alles geliebt!

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dav

 

 

Genug

Mein liebster Simeon!

Gestern, am 25. Juli um 11.15 Uhr ist Ali gestorben.
Dein Herz war immer offen für ihn.
Sein Wesen hat alle für ihn eingenommen.
Er rührte auch die Menschen an, die ihn nicht so gut kannten.
Weil sein tapferes Leben besonders war.
Allein schon, mit welcher Gelassenheit er sich dem Hund gegenüber verhielt!
Nichts konnte ihn aus der Ruhe bringen, wenn Billy ihn herausforderte …

Nun, mit 16 Jahren ist Ali ein alter Kater geworden.
Ich habe Purpurglöckchen auf sein Grab gepflanzt.
An seinen letzten Tagen lag er genauso im Weg wie Billy.
Er hat echt Abschied genommen, hat sich nochmal aufgerafft und ist zum Tisch zu Dietmar gekrochen, wo er immer saß und auf Bröckchen wartete …
War draußen, hat alles angeschaut; es war so menschlich, wie er seine Blicke schweifen ließ. Herzzerreißend.

Aber als wir ihn von der Tierärztin nach Hause fuhren, war unser Gefühl, dass es richtig war, ihn zu erlösen.
Erstaunlich, wie die anderen beiden Katzen Anteil nahmen und um Alis Grab schlichen, alles berochen und untersuchten.
Murphy saß eine Weile da, als hielte er Wache.

Mehr verkrafte ich nicht. Es ist genug! Millionen Male mehr als genug!
Ich liebe Dich so sehr, mein Sohn!
Muss mein Herz zusammendrücken, dass es nicht zerspringt …
Werde gleich entfliehen in meine Welt!
Bis morgen!

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Erlösung

Ali kann nicht mehr, mein Schatz.
Sein Geschwür am Auge ist schlimm, sein Körper soo schwach…
Er liegt nur da und atmet schwer.
Alle Bemühungen verlängern nur seine Qual.
Ali ist dünn, so furchtbar dünn und das Fell lässt sich nicht mehr pflegen, es fällt nur noch aus.
Der Arme lässt auch nicht mehr zu, dass ich seine Augen säubere.
Möchte nicht angefasst werden.

Ich glaube, er wäre vor einer Woche schon gegangen. War ja schon auf dem Weg.
Ich habe ihm alles an Liebe gegeben, was er vielleicht noch abholen wollte.
Nun lassen wir ihn gehen.
Ali hat uns so viel Gutes gebracht, so viel gelehrt, so viel zurückgegeben.
Wir sind sehr dankbar.

Ich weiß noch, wie er auf die Welt gekommen ist als Letzter …
Hab seiner Mutter die Hände hingehalten, damit sie dagegen drücken konnte beim Pressen. Sie war schon so erschöpft, diese kleine zarte Katze.
Damals hatte sie fünf Junge und Ali als Einziger rot, die anderen waren dreifarbig.
Und als der Hund zu uns kam, lief Ali fort, 15 Monate war er weg und kehrte dann zurück. Das war 2007.
Der beste Rattenfänger aller Zeiten.
Treu, gesprächig und sehr menschenbezogen.
Nach der Amputation seines Beines hat er ein paar Nächte auf meinem Bauch geschlafen.
Als ich beim Abholen aus der Klinik an sein Körbchen trat, miaute er sofort.
Das war 2012.
Es gibt so viel mehr Erinnerungen … wie erstaunlich gut er mit dem Hund klar kam z.B. – die Gelassenheit in Person.
Er hatte ein schönes Leben, auch mit drei Beinen …

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Das war vor einem Jahr etwa, erinnerst Du Dich?
Der Kater bringt ganz viel Liebe mit für Dich, mein liebster Simeon!

31 °

Mein liebster Simeon!

Ein kurzer hitziger Brief heute.
Wir waren eben noch im See baden. Eis – das beste der Welt – gab`s auch.

Ich bin wieder unten angekommen, das geht so schnell.
Beim Fotoschauen brach alles weg.
Die schönen Momente, auch die Fluchten in eigene Welten, sind eben Momente.

Weiter weiß ich heute nichts zu berichten.
Es war heiß. Aber das lieb ich ja so.

Ich empfinde die Jahreszeiten – dieses Jahr besonders – als wunderbares Geschenk.
Mein Schatz, ich liebe Dich. Umarme Dich.
Und hab die Nacktschnecken vom Grab gesammelt, die Du so hasst.
Bis morgen!

dav

dav