Oh Leben!

Oh du Leben, wie wunderbar und schwer du mir scheinst!
Im selben Moment, beides, immerzu …
Mein liebster Simeon, ich bringe Dir heute die Sonnenblumen, die mir eine liebe Freundin gestern Abend gab.
Ich finde, sie haben bei Dir ihren Platz.

Eben habe ich mich über meinen Rand hinausbewegt und einen offenen Brief von
Sophie Sumburane  an die Bundesregierung gelesen.

Ich schließe mich ihren klaren, klugen, sehr konkreten Worten an, bin zutiefst dankbar dafür und habe ihren Brief bei Facebook geteilt.
Denn bei all dem Schmerz, dem unsäglichen, mein Leben beherrschenden Schmerz über Deinen Tod, mein liebster Sohn, möchte ich teilhaben am Leben und Verantwortung tragen für Kultur und Gedankenhygiene, für Aufstand und Wehrhaftigkeit, für richtige Worte und Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse.
Natürlich anfangen bei mir selbst.

Du weißt ja schon, dass mein Platz fest geschrieben ist, ich kenne ja meine Aufgabe.
Ich muss und will malen.
Und wenn ich jetzt sage, dass mich außerdem solche Statements wie die von Sophie Sumburane sehr interessieren, dann ist das ein Minischritt aus meinem Schmerz heraus.
Vielleicht kann ich das halten, ich werde sehen.
Auch wenn ich nicht aktiv sein kann, wenn ich das noch nicht schaffe, bin ich dran an diesem Gedankengut und halte meinen Geist und meine Seele bereit, um zur richtigen Zeit meine Hand zu reichen und zu unterstützen.

Oh Leben!
Oh Simeon!
In Deinem Sinne will ich es ergreifen, will erspüren, was Du getan, gedacht hättest.
Die Verbindung zu Deinem Wesen, Deinem Geist befeuern, behüten, wachsen lassen.
Liebe kann so viel …
Hier sind die herrlichen Sonnenblumen für Dich!

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Die letzte Vorstellung

Das letzte Mal, liebster Simeon, schaute ich mir heute Abend das Stück an.
Das Stück, in dem ich mich in Einzelteile zerlegt wiederfinde.
Das Stück, das ich so oft ansah wie nie eine Theateraufführung vorher.
In dem ich lachen musste und weinen.
Noch mehr weinen als lachen … weil es auch so tragisch ist, dieses Leben in seiner Vielfalt. Weil es scheinbar viele Wege gibt, die aber nicht gangbar sind aus dem einen oder anderen Grund.

„Die Verbindung ist so schlecht!“  „Ich versteh dich nicht!“  „Weinst du?“  „Nein ich warte…“ „Lass uns einfach auflegen und noch mal von vorn anfangen!“ „Noch mal von vorn anfangen!“ „Was???“ „Noch mal von VORN anfangen!!!“

Und so geht es weiter und weiter, Metaphern, angeschnittene Dialoge, Sprachlosigkeit, Verzweiflung … die große Suche nach sich selbst, den anderen, dem einen Anderen.
Scheitern, Sehnsucht, Flucht, Auflösung, Auswege und Ausweglosigkeit.

„Bald hört der Schmerz auf.“ Sagt die Mutter zu ihrem Kind.

Noch mal von vorn anfangen mit Dir, mein geliebter Simeon, möchte ich auch und genauso, dass der Schmerz aufhört:

„Ich würde gern … … … dass wir uns nah sind!“

Das sind Sätze aus dem Stück natürlich und Du kannst sicher verstehen, warum ich sie verstehe …

Nun feiern sie alle. Sie feiern ihren Erfolg, ihr Durchhaltevermögen, ihre Größe.
Ich kann es ihnen gar nicht oft genug sagen, wie toll sie alle waren!
Ich habe die ganze Klasse lieb gewonnen. Sie sind mir echt nah gekommen, an mein Herz ran, aber so richtig!

Und eben auf der Heimfahrt kam die ernüchternde Erkenntnis, dass mir keine Flucht in glücklichere Umstände , körperlich, geistig, wie auch immer, irgendwie dabei hilft, den Kern des Ganzen zu bewältigen.
Ich kann nicht vergessen, dass ich Dich vermisse, mein Schatz!

Keine Kisten mehr

Mein liebster Simeon!

Gestern habe ich laut verkündet, dass ich keine Kisten mehr schleppe, weil ich eine Frau bin und weil Frauen keine Kisten schleppen.
Außerdem habe ich sechs Kinder geboren und mein Rücken sei genug beansprucht worden dadurch.
Und natürlich durch viel viel mehr, wie Haus bauen, Wege pflastern, Steine schleppen, Gartenarbeit ( Sträucher, Wurzeln, noch mehr Steine ausgraben, umgraben, Gemüse anbauen, Löcher für neue Bäume buddeln, Gräber für geliebte gestorbene Haustiere ausheben …)
Ich muss gestehen, dass ich immer die Kraft verspürt  habe, das zu tun.
Und zwar gern. Mit Hingabe.
Gestern ging es mir einfach darum, Stellung zu beziehen zu einem, den viele im Stillen doof finden und heimlich über ihn reden. Es nicht gut heißen, wie dieser Jemand sich verhält, es nicht verstehen vielleicht.
Ich hab einfach NEIN gesagt, als ich Kisten schleppen sollte.

Meine Klappe aufzureißen und drastische laute Worten raus zu lassen, hat mit Sicherheit in diesem Moment irritiert, vielleicht diejenigen, die lieber leise reden als laut.
Ich wurde dann als sexistisch bezeichnet. Weil ich verallgemeinert habe.
Das war falsch, ich sehe es ein.

Ach, als was man mich alles schon benannt hat, mein Sohn!
Rassistisch war ich auch schon und feministisch und kleingeistig und rückständig und unmodern, engstirnig, dumm, aufmüpfig, staatsfeindlich und unsportlich, nicht Frau genug, nicht verständnisvoll, zu egoistisch, zu faul, zu aufgeregt, zu stressig,  hysterisch gar! Zu emotional, nicht strukturiert genug, ohne Plan, ohne Ziel, zu frei, zu untalentiert, nicht beziehungsfähig, zu viel Redebedarf hatte ich und zu wenig Busen.
Oh, da kommen wir ins Körperliche, für das man bekanntlich nichts kann, wenn man frisch auf der Welt ist.

Das Stück, welches ich mir heute zum vierten Mal anschaue, hat mich da überall wieder draufgestoßen, welche Hürden man nehmen muss im Leben, wieviel Einsatz es braucht, um sich ein kleines Stück Welt zu erobern.
Wie schwer man es mit sich selbst hat, was man da alles lernen kann und muss, wie schwer man es mit den anderen um einen herum hat, und die wiederum mit sich und mir.
Und mit wie vielen „neuen“ Bewertungsbegriffen“ man sich auseinandersetzen und dabei aufpassen muss, nicht in einer Kategorie zu landen, in der man nicht sein will und in die man eigentlich gar nicht gehört.
Zu schnell verurteilt, weggesteckt, zugeordnet.
Dabei ist doch alles im Fluss idealerweise!

Aber wie gut es ist, etwas zu verstehen, etwas einzusehen und die Auseinandersetzung mit sich und anderen nicht zu scheuen!
Hinzugehen und sich trauen zu sagen: du, ich habe mich vergriffen in meiner Wortwahl, habe dir Unrecht oder gar weh getan, es tut mir Leid!

Dass es in Ordnung ist, zu streiten und sich zu versöhnen, finde ich schon lange.
Einen drauf zu kriegen von anderen kenne ich gut.
Bislang habe ich nicht viel zurückgegeben, für meine Begriffe nicht klar genug Widerstand geleistet. Mehr eingesteckt als ausgeteilt.
Ich kann Dir tausend Beispiele nennen, wo ich an der Welt verzweifelt bin.

Es steht an, mein Sohn!
Es muss gelernt werden.
Besser umzugehen, mit den Anderen, mit mir selbst.
Meine Art war gestern und so manches andere Mal vielleicht zu forsch, nicht feinfühlig genug, zu feige mitunter, zu unklar.
Das klingt jetzt alles so stark nach Bewertung, Verurteilung auch.
Selbstkritik ist doch aber ein hehres Ziel, wenn sie dann in einen Frieden mit sich selbst führt. Letztendlich.
Ich kann nicht so schlau und witzig schreiben wie Seppo zum Beispiel, dessen Beiträge ich gern lese. Manchmal sind sie mir zu lang und ausschweifend, aber immer hoch anspruchsvoll und authentisch.

Egal, ich schreibe so, wie ich schreibe.
Und Kisten schleppe ich trotzdem keine mehr!
Weil mein Rücken auch meine Seele ist, die tut weh und der Rücken auch.
Ich bin sexistisch gewesen und ich kann es nicht ab, so bezeichnet zu werden.
Weil ich darum ringe, gerecht zu sein und liebevoll und jeden zu sehen und anzunehmen, wie er ist.
Manchmal muss ich mir eben ein Pflaster auf meine Klappe kleben.

Ich hab Dich lieb, mein Schatz!
Und ich freue mich auf das wunderbare 12.-Klass-Spiel mit diesen wunderbaren authentischen talentierten faszinierenden jungen Menschen, die ihr Bestes hergeben.

Komm doch einfach mit!

Besetzung B

Mein liebster Simeon!

Es ist schon spät, aber wir sind eben erst nach Hause gekommen, Deine Schwester und ich.
Denn heute Abend war die dritte Aufführung des Theaterstückes der 12. Klasse, dieses Mal in Besetzung B.
Ich habe das Stück jetzt dreimal gesehen und morgen sehe ich es ein viertes Mal.
Wie jede gute Kunst lebt es. Es pulsiert, atmet und verändert sich.
Durch die Personen, die spielen und durch das Publikum, vielleicht auch durch die Luft im Saal …
Wer weiß?
Auf jeden Fall ist es grandios, einzigartig, herausragend.
Du solltest es sehen, erleben.
Ich liebe Dich und bin so müde.

Aktivitäten

Mein liebster Simeon!

Heute durfte ich die grandiose Generalprobe des 12.Klass-Spiels erleben.
Esthers Klasse führt auf: „Die Deadline drückt“.
Unglaublich berührend, phantastisch gespielt.
Zum Weinen, denn es geht um das Menschsein, um Beziehungen, Gefühle, verpasste Leben, Einsamkeit, Missverständnisse, Ängste, Frust … aber auch Liebe und Nähe.
Die ganze Palette.
Es gibt einige Momente zum Lachen.
Ich war begeistert, aber ebenso zutiefst berührt, dass sie das hinkriegen, dass man sich da selbst erkennt, sich wiederfindet, alles versteht.
Szenen, von den Schülern selbst geschrieben, aus ihrem Leben, ihrem Empfinden heraus.
Klar, sie sind eingebettet in den großen Ablauf, den Rahmen der Autorenvorlage-
Aber wenn ich es richtig verstanden habe, mussten alle 44 jungen Menschen (so groß ist die Klasse!) das Stück erstmal durch sich durchlassen, es ergreifen und mit ihrem Eigenen verweben.
Sie haben etwas Neues erschaffen, das ist eine ganz starke Leistung. Von ALLEN!

Um aus meiner Kiste heraus zu kommen, habe ich heute morgen noch einen Bogen Packpapier grundiert.
Damit kann ich dann was anfangen und die Kiste mal verlassen.
Ich bin wieder am Aufwärtssteigen. Reiner Selbsterhaltungstrieb. Aktivität.
Wie gesagt, es wird nicht besser.
Aber ich zeige Dir das Papier und auch die schönen Blumen, die ich zum Geburtstag bekommen habe.
Simi, ich hab Dich so lieb!

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Refugium

Mein liebster Simeon!

Mein Zuhause mit den Fotos von Dir … Dein Grab in 7 Minuten Entfernung … mein geliebter Ehemann … mein warmes Zimmer (ach, wie ich draußen friere!) … all das will ich keinen Tag im Moment verlassen!
So dünnhäutig und erschüttert wie ich seit dem Februar bin, merke ich nun, dass ich keine längeren Fahrten mehr unternehmen kann und will.

Ich brauche so sehr die Ruhe, den Raum für mich – mein Refugium, meine äußere Hülle.
Auch mein Außen schreit nach Kümmern, nach Sanftheit und Pflege.
Mein innerer Ort ist ja gefunden und behütet.
Und behutsam will ich mit mir im Ganzen sein.
Ich halte es nicht aus, mal ein, zwei Tage nicht an Dich zu schreiben.
An Dein Grab gehen will ich, wann immer mich das Bedürfnis danach überkommt.
Mir ist alles andere jetzt zu viel.
Nirgendwo bin ich so gut aufgehoben wie hier.

Ich möchte rausgehen, wenn die Sonne scheint und im Garten ackern, kein Wort reden, nur zupfen und buddeln. Nüsse auflesen, Sträucher schneiden, den Rasen nochmal mähen und das ganze Abgeschnittene häckseln.
Billys und Alis Gräber von Unkraut befreien, Rosen hochbinden und all das, was die Pflanzen jetzt brauchen, erledigen.

Meine Bilder weitermalen und nicht durchdrehen.
An Dich denken, Dir Liebe schicken, das will ich jetzt.

dav

dav

Weißt Du, was

ich zum Geburtstag bekommen habe, mein liebster Simeon?
Etwas Riesiges! Etwas, was mich glücklich macht und vom Weinen wegbringt, wenn ich es benutze …
Ich kann es allein benutzen oder mit anderen Menschen zusammen.
Rate mal!
Das habe ich mir schon ganz lange gewünscht.
Dein Papa hat es mir geschenkt … mit Hilfe von Oma Lilo.
Es ist eine Tischtennisplatte!
Sie wird in ein paar Tagen hier ankommen und dann geht`s los!
Ich freue mich riesig!
Ich will so gut werden wie Forrest Gump.

In Frankreich haben wir zusammen gespielt, erinnerst Du Dich?
Wir wollten noch so viel üben beide.
Ach, ich liebe Dich so sehr!

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