Nach der Hochzeit

Mein liebster Simeon!

Jeden Tag zähle ich nur auf, was ich gemacht habe, das ist so langweilig für Dich.
Bloß zu großen philosophischen oder sonstigen intellektuellen Kapriolen bin ich nicht in der Lage.
Mein Wortschatz ist geschrumpft, glaube ich. Oder vielleicht war der auch noch nie so besonders umfangreich,
Ich benutze immer die gleichen Vokabeln.
Heute habe ich jedenfalls wieder gemalt. Bis ich Rückenschmerzen hatte, konnte nicht mal richtig husten …
Ich hab das Blumenbild „Nach der Hochzeit“ als Grundlage genommen.
Aber eine wirre Zeichnung drüber gelegt. Mit Farben gemalt, die ich sonst selten nehme.
Das wurde jedoch nichts und so musste ich, um das Ganze einigermaßen zu retten, doch auf Bewährtes zurückgreifen.
Ich bin einfach mies drauf.

Das Bild spiegelt trotzdem wider, wie ich finde, was nach der Hochzeit bleibt, wenn der Alltag wieder losgeht, das Brautkleid im Kleidersack landet und die Dielen geschrubbt werden müssen z.B.
Oder Behördengänge anstehen, weil man sich ja melden muss als Verheiratete.
Alle wollen es wissen.
Und es bleiben von dem Hochgefühl ein paar Fitzelchen übrig.
Das wollte ich hinkriegen. Mehr nicht.

Das Fazit des Tages: geglückte Arbeit, aber abgrundtiefe Trauer und ein desolates Gefühl.
Freudlos.

Ich hab Dich so traurig lieb, mein Schatz!

sdr
Das ist mein neuer Leuchttisch.

Das 4.

Mein liebster Simeon!

Ich kann Dir von einem sehr produktiven Tag berichten.
Was aus der Verzweiflung heraus alles geboren wird!
Ich finde morgens schwer aus dem Weinen heraus, aber das Weinen ist so furchtbar anstrengend! Und ich fühle gerade nicht, dass es hilft.
Ich weine ja nicht, damit es mir hilft, ich kann nur nicht anders.
Doch meine Kräfte brauchen meine Achtsamkeit und ich muss damit „haushalten“.
So fange ich früh an, irgendwas zu machen, wie ich Dir schon häufig erzählt habe.
Als Allererstes räume ich mir den Tisch frei für alle Fälle!
Dann sehe ich nach der Wäsche, ob ich wieder was zusammenlegen kann.
Mach ich dann auch.
Staubsaugen macht mir Spaß, das ist keine Strafe.

Aber was im Moment richtig hilft, ist, dass ich diese großen Blätter vorbereitet habe.
Ein letztes gab es noch heute morgen und angespornt durch die Arbeitsfreude aus den vergangenen Tagen, machte ich mich darüber her.
Nur heute musste ich mich durchbeißen, ich hab ewig dran gesessen.
Das meine ich mit „produktiv“.
Zufrieden war ich lange nicht damit!
Nichts stimmte, nichts flutschte so einfach.
Harte Arbeit und immer diese produktiven Pausen zum Gucken!
Die sind so wichtig.

Vorhin bin ich noch im Atelier gewesen und habe die letzten drei!!! Papiere verbraucht. (Mann, ich muss zu Boesner!)
Ich rechne nicht damit, dass es stets so fließt und leicht von der Hand geht.
Das ist auch langweilig. Ich darf auch voll und ganz gefordert sein, auch frustriert meinetwegen.
Wenigstens kann ich die Bilder ändern.

Soll ich Dir das vierte Bild zeigen?
Ich wollte unsere Feldwege mit Barbaros Villa in Italien verbinden und das stärkere Motiv gewinnen lassen.
Ich glaube, die italienische Stimmung hat das Rennen gemacht.
Sieh mal, mein Schatz!
Ich hab Dich lieb!

 

 

 

Endlich erwachen

Mein liebster Simeon!

Wie viele solcher Tage waren es schon, an denen ich nur aufwachen wollte?
An denen ich mir sehnlichst wünschte, nur geträumt zu haben.
An denen nichts mehr geht, gar nichts.
Wahrscheinlich ist es ganz lange Monate so, dass der Geist sich abwendet von den Tatsachen. Vielleicht hört das sogar nie auf!
Bestimmt kennen das viele verwaiste Eltern.
Die Seele ist ja sowieso schon verkrochen und leugnet, der Verstand dann auch noch.
Und zeitweise kommt man der Welt vollkommen abhanden.
Andere Tage gibt es zwar auch … aber wie selten und unglaubwürdig die sind!
Wie oft ich Dir darüber schon geschrieben habe …

Deine Antworten muss ich mir zusammenreimen.
Dass ich tatsächlich etwas vernehme, scheint mir in solchen dunklen Zeiten nur Einbildung zu sein.
Zweifel, Verwirrung, Verzweiflung.
Angst, Panik vor noch mehr Katastrophen und die Trauer, die von innen zerrt und reißt, die einfach bleibt, die zu mir gehört.
Ob ich will oder nicht.

Heute vermisse ich Dich so unendlich, mein Kleiner, mein Simi.
Wie jeden Tag.
Heute halte ich`s bloß nicht aus.

Noch ein Bild

Mein liebster Simeon!

An diesem regnerischen, sehr kalten Sonntag war mir nicht nach Garten und überhaupt gar nicht nach Rausgehen.
Zum Tischtennis war es zu windig.
Durch die zurückgestellte Uhr kam die gewonnene Stunde mir sehr nützlich vor und so fing ich wieder an zu malen.

Das schwierigste Bild hab ich mir noch aufgespart, vielleicht gehe ich morgen da ran.
Heute ohne Tränen, ohne Tisch, nur auf meinen Knien lag das große Blatt mit Dillis Holzschuppen als Vorzeichnung.
Wie wenig Platz zum Arbeiten nötig ist!
Ich konnte gar nicht aufhören, mich darüber zu wundern.
Und mitten im Wundern entstand das Bild vor meinen Augen wie von selbst.

Den Schuppen hatte ich damals zweimal in Öl gemalt und jetzt dreimal in der neuen Technik.
Woran ich mich erst morgen wagen will, ist das Bild mit dem Weg.
Das gibt es schon einmal in Öl und einmal in Acryl.
Wie spannend, die alten Schinken nochmal anders zu sehen!
Hab schon Lust, morgen wieder ins Atelier zu fahren und noch mehr Blätter vorzubereiten.
Durch das Arbeiten fühle ich mich Dir sehr nahe, mein Lieber!
Ein großes Gefäß bis oben hin voll mit Herzenswärme und lieben Worten!
Das geht hin und her zwischen uns …

 

 

Himmel und Meer

Mein liebster Simeon!

Eins von den drei gestern gestarteten Bildern ist fertig. Genau wie ich!
Ich bin da mit Leib und Seele durchmarschiert, zehn Stunden lang.

Ich wollte ja Perspektive:
Experimente starten, Altes verwandeln, mutig sein, neue Nähe zu Dir wagen …
im Geist und in der Seele … auf dem Papier, der Fläche … die Fläche aufbrechen, Auswege finden, neue Möglichkeiten suchen …

Himmel und Meere hundertmal gemalt, das hab ich als Untergrund genommen, vorbereitet wie neulich, ein altes Bild neu skizziert und darüber geschoben und dann die Farben raufgeknallt!
Die ganze Zeit geweint dabei. Mir tat alles weh!
Aber es ging: weinen und malen … kann ich inzwischen gleichzeitig.

Auch wenn das Foto nicht gut genug ist – ich zeig`s Dir trotzdem, die Vorstufen auch.
Ich wusste die ganze Zeit, dass es klappt, ich war mir so sicher!
Ein unbekanntes Gefühl, es fühlte sich nicht wie Ringen um Kunst an, sondern geschah irgendwie unaufgeregt.
Sicher und von mir selbst gelenkt, aus meinem tiefsten Inneren heraus arbeitete ich.
Deshalb war ich wohl auch so aufgelöst. Mein Inneres ist ja pure Trauer.
Das hatte ich wirklich so noch nicht.

Aber schau es Dir an und fühle mit, meine Liebe ist Dir sowas von SICHER!

 

 

Leuchttisch

Mein liebster Simeon!

Wir waren heute an Deinem Grab. Das Laub abgesammelt und weggeharkt.
Es sieht gut aus da. So üppig.
Das ist aber auch schon alles, was es dazu zu sagen gibt.
Es ist katastrophal, dass wir Dein Grab haben.
Nicht auszuhalten.

Draußen wiegt die diesige Luft schwer vom Regen, der nicht runter will.
Wenigstens kein Sturm.

Ich habe einen Leuchttisch bestellt, damit ich meine Zeichnungen nicht immer am Fenster durchzeichnen muss.
Du weißt ja, ich brauche die Variationen …
Der Tisch ist A2, am liebsten hätte ich so einen riesigen wie im Studium, hab ich aber nicht gefunden.
Heutzutage kommt so ein „Tisch“ als Platte daher, wie praktisch. Lässt sich verstauen.
Ich glaube, das werde ich hinkriegen, auch größere Formate zu bearbeiten.
Die Fenster, die ich bisher nutzte, waren ja auch nicht groß.

Nachher will ich noch ins Atelier und einige Blätter vorbereiten für die Perspektiven, die in meinem Gemüt lauern.
Aber das sind alles Nothandlungen, damit ich nicht versinke.
Den Tod des geliebten Kindes verkraften?
Versinken ist einfach, es geht so leicht, zu fallen und zu fallen und nichts mehr zu tun …
Ich will aber nicht versinken, mein Schatz!

Auf dass mich der Leuchttisch erleuchte!
Später, wenn er da ist, zeig ich ihn Dir.
Bis dahin hab ich Dich lieb!

dav

dav

 

Perspektive?

Mein liebster Simeon!

Heute zeige ich Dir nur das Endergebnis wie gestern angekündigt.
Und erzähle Dir kurz von der Idee, nun doch mit Perspektive in der Bildkomposition zu arbeiten.
Mir kam so der Gedanke, dass es einen Versuch wert ist.
Will ja in der Zweidimensionalität/Zweisamkeit mit Dir ein Weilchen bleiben und die erfahre ich dadurch, dass ich so male wie bis jetzt. Aber ich kann`s trotzdem probieren. Wer weiß, wohin mich das noch führt.
Ich will es herausfinden.

Wir haben gestern viel von Deinen Großeltern gesprochen. Wie ihnen wohl jetzt geht?
Mit Dir zusammen …

Ich bin zu deprimiert, um mehr zu schreiben … in der Stadt sah ich einen obdachlosen Jugendlichen in einem Hauseingang schlafen. Auf seinen kargen Habseligkeiten …
Was er wohl alles hinter sich hat?
Das macht mich fertig.

Bitte beschütze ihn, er ist nicht älter als Du.

Hier ist das Bild, wär schön, wenn es Dich erfreut.
Liebe, Liebe, Liebe!!!

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dav