Vier kleine Bücher

Mein liebster Simeon!

Jetzt besitze ich vier kleine Bücher über Hundeerziehung.
Meine Freundin hatte mir eins empfohlen, aber ich kann doch immer den Hals nicht voll kriegen, weißt Du ja.
Nun habe ich viel Lesestoff, mit dem ich mich in den kurzen Pausen, die mir Lenny lässt, befassen kann.
Ich möchte so gern alles richtig machen mit dem kleinen Kerl, ihn verstehen und mit ihm so umgehen, dass er uns weiter erfreut wie bisher.

Hab ich Dir schon erzählt, wie schön ich ihn finde?
Bei Mischlingen ist es ja so spannend, wie ihr Aussehen sich entwickelt.
Neulich habe ich den Bruder von Lenny gesehen, der ist sehr scheu, aber noch so niedlich wie vor vier Wochen, als ich ihn kennenlernte.
Doch seine Statur ist völlig anders als Lennys. Die Beine sind jetzt schon viel kürzer, so dass er wohl kleiner bleibt.

Für das Wochenende steht der Plan, zu zeichnen und zu malen.
Ich habe uralte Zeichnungen hervorgesucht, die ich neu umsetzten will.
Die Tagesstruktur wieder aufzubauen ist mein Ziel, dass ich nicht so verzweifelt rumhänge …

Heute Nacht kam ein altbekannter Traum, der meine Versagensängste in schillernden Farben vor mir ausbreitete.
Meist geht es darin um Wesen, die von mir vernachlässigt wurden, dieses Mal war es ein kleines Hundebaby.
Es hatte so lange unbeachtet auf einem Platz gelegen, dass es rote Druckstellen hatte, das Arme!
Du siehst also, ich bin trotz meiner Ansprüche und guten Vorsätze nicht vor der nächtlichen „Kontrolle“ gefeit.
Aus diesem Alpdruck hat mich schließlich eine kalte Hundeschnauze befreit, die in meine Wange stupste.

Ach und gestern Abend haben wir stotternderweise eine neue dänische Serie angefangen zu schauen, aber das Internet war andauernd weg.
Das Behelfsfunknetz ist am Zusammenbrechen.
Schade, wir sind hier die allerletzten, die schnelles Internet bekommen.
Weißt Du noch, wie Du damals mit 15 von Haus zu Haus und von Dorf zu Dorf gelaufen bist, um Unterschriften zu sammeln, damit es vorwärts geht mit der Kabelverlegung?
Ist es aber nicht. 2020 werden wir erst angeschlossen.
Hab ich schon geschrieben, oder?
Jedenfalls spielt Lars Mikkelsen in der Serie einen Pastor, der Bischof werden will und er hat einen Sohn, der Dir unglaublich ähnlich sieht.
Danach war ich nicht mehr zu gebrauchen.

Bis morgen alle Liebe, mein Sohn. Nimm sie Dir!

Regen … Sturm … Regen

Mein liebster Simeon!

Ohne Handy kann ich Dir keine neuen Bilder zeigen und reparieren kann ich es am Samstag. Da erst kommt der neue Akku an.

Dein Vater hat mir vorhin vorgelesen, dass herausgefunden wurde, Frauen schlafen besser mit Hunden in ihrer unmittelbaren Nähe.
Ich kann das bestätigen und sehe Dich vor mir, wie Du Dich darüber freust, dass der Hund nachts zu mir auf`s Sofa kriecht …
Morgens steckt er mir dann seine kalte Nase ins Gesicht – bis ich endlich wach bin.
Es kommt auch vor, dass er mir seinen Kopf auf die Brust legt, selig einschläft, schwerer und schwerer wird, bis ich ihn wegschieben muss, weil ich mich auch mal bewegen möchte.
Er ist so schön warm und ich alte Frostbeule kann meine kalten Finger auf den Hunderücken legen, er kuschelt sich auch von selbst immer ganz dicht an.

Sonst gibt es keine großen Worte heute.
Die letzten Novembertage haben mich fest im Griff.
Meine seelische Verfassung entspricht dem Wetter oder umgekehrt …
Liebesgrüße für Dich!

Schreiben

Mein liebster Simeon!

Immer, wenn ich an Dich schreiben möchte, muss ich auf den Button „Schreiben“ klicken.
Das ist Anspruch, Verantwortung, Selbstbewusstsein in einem und ich darf mich nicht auf Zweifel einlassen.
Ich muss schreiben, was mir auf der Seele brennt.
Und was in meinem Kopf bereits steht, soll an Dich gesendet werden.
Ausgerechnet mit diesem Medium, das Du nicht mehr nutzen kannst.
Deshalb ist auch die ganz automatische Frage erlaubt:
Wie sollst Du ohne Sinnesorgane, ohne Körper, ohne Materie (PC) an diese Worte gelangen???

Diese Worte, die für Dich sind und auch ein wenig für mich, sind doch schon längst bei Dir angekommen, weil ich sie alle bereits gedacht habe, also bräuchte ich sie gar nicht mehr aufzuschreiben hier.
Warum also das Ganze trotzdem?

Ich will`s Dir sagen.
Ich schreibe, um das alles auszuhalten, um nicht hinterher zu wollen …
Aber auch, um der Welt zu zeigen, dass Trauer wichtig ist in all ihren grausigen Facetten, dass es richtig ist, da hinein zu gehen, sie zu erleben, weil daraus der Mut erwächst, weiterzumachen.
Ich will beschreiben, wie es sich für mich als Mutter anfühlt, wenn mein Kind plötzlich stirbt.
So einfach weg ist, ohne Vorwarnung, und niemals wiederkommt.
Wie aus dem guten Glauben an das Leben auf einmal ein Abgrund wird, in den man reinspringen will, um endlich aufzuhören zu fühlen. Dass man aber nicht zwingend da hineinspringen muss, weil es Auswege aus der Verzweiflung gibt, die man sehen lernt.
Und ich will zeigen, wie einzigartig und wunderbar Du warst.

Ich bin noch lange nicht damit fertig, vielleicht nie.
Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, schreibe ich weiter, es wiederholt sich ja auch ständig, was ich fühle.
Dass es egoistisch wirken kann, was ich Dir sage … damit komme ich klar.

Ich habe Angst, mein lieber Schatz.
Davor, dass dieses Jahr, das noch einen Monat dauert, noch mehr Unheil bringt.
Du weißt, an wen ich dabei denke und ich bitte und bete für diesen Menschen.
Schreiben ist eine Herausforderung, meine tägliche Einkehr, meine Passion.
Ich schreibe auch, um meine verdammte Angst in den Griff zu kriegen.
Ich schreibe mir mein übervolles Herz leer für diesen einen und für jeden Tag!
Ich schreibe Dir meine Liebe auf.

Lebensmut – was für ein Wort!

Mein liebster Simeon!

Nun ist es auch bei mir soweit … mein Handyakku ist wohl hinüber. Aufladen geht nicht mehr.
Im ersten Moment bekam ich Panik!
All die wertvollen Aufnahmen von Dir, Deine Stimme, die kleinen Videosequenzen …
Aber ich kümmere mich sofort darum, das muss doch zu reparieren sein, das Gerät ist noch neu.

Eben habe ich mit meiner Freundin so schön lange über Hunde geredet, ich konnte ihr alles erzählen, was unser kleiner Kerl so anstellt. Sie weiß so viel und hat mir tolle, wichtige Tipps verraten.

Heute hat sich Lenny voller Inbrunst in den Teich gestürzt. Was bin ich froh, dass er Wasser liebt!
Der Kleine macht mir viel Freude, er frisst zwar alles Mögliche, wenn ich mal unaufmerksam bin (Plastiktüten! Mann, eine schlaflose Nacht für mich …).
Er ist so voller Überraschungen und Wunder. Das gefällt mir gut.
Du würdest ihn so süß finden!

Ich denke pausenlos an Dich, mein geliebter Schatz.
Egal, was ich mache, Du bist dabei.
Wir müssen wieder Lebensmut entwickeln, das zarte, brüchige Pflänzchen wachsen lassen.

IMG_20181123_222603.jpg

Lebensspanne

Mein liebster Simeon!

Ich wollte Dir doch noch einiges sagen, was mir durch den Kopf ging bei der Gedenkfeier.

Die kostbaren Leben in ihrer individuellen Dauer so wertschätzend und doch ohne zu bewerten darzustellen, ist ein besonderes Ritual in dieser Kirche.
Nirgendwo anders habe ich das so erlebt.
Natürlich waren es Resümees der Erdenleben mit dem Bemühen, die Impulse zu erkennen, die der einzelne Mensch mit in die geistige Welt nimmt, aber auch die Frage, wer war dieser Mensch?
Wie wirkt er weiter hier?
Was hat er hier getan, wie hat er sein Dasein gestaltet, was gelang ihm, was fiel ihm schwer?

Deine Lebensspanne war so kurz, mein geliebter Schatz, viel zu kurz!
Doch hast Du so viel bewegt in uns, hinterlässt Deine Spuren und bist immer noch so präsent und spürbar.
Ich fühle das ja die ganze Zeit und die Worte gestern bestärken mich.
Das lebt da auch, die ganze Gemeinde sieht sich die Schätze der Verstorbenen an, bewahrt sie und trägt sie weiter.
Nichts ist vergessen, alles wertvoll und besonders.

Das Wertvollste, was Du hinterlassen hast, ist die Liebe und das ist das Wichtigste, was ich Dir jeden Tag schenken kann und will.
Meine Gedanken strömen zu Dir, sind Liebe.
Und meine Liebe wird zu Bildern, die ich bis an mein Lebensende malen werde.
Inspiriert und klar sehe ich.
Die Begegnung mit dem Tod ist so gewaltig und verändert alles, eine ungeahnte, allumfassende Umwälzung, die aber auch sehend macht.
Ich fühle unbändige Sehnsucht, die mich quält und eine ungeheure Ruhe, die mich zuversichtlich macht. Oft gleichzeitig.
Dass hier alles nicht ohne Grund passiert und nichts umsonst oder sinnlos ist.

Vorhin bin ich kurz eingeschlafen und im Übergang zum tieferen Schlaf hatte ich einen kurzen Traum von Dir.
Wie Du Dich aus dem oberen Fenster eines mir fremden Hauses beugtest mit auf den Fensterrahmen gestützten Armen, schnell runterschautest, Dich umdrehtest und wieder im Haus verschwandest, als hättest Du zu tun …
Das Haus war grau, groß und sah eher aus wie eine Scheune … unten blühte es grün und gelb, ein wenig Heu lag verstreut …
Der kurze Anblick Deiner Gestalt erfreute mich sehr, Du sahst so groß und stark aus, so schön!
Mein liebster Simeon.

Totengedenkfeier

Mein liebster Simeon!

Nachdem ich doch den Geburtstag Deiner Großmutter mit“gefeiert“ habe und wieder zu Hause war, erreichte mich die Information, dass heute in der Kirche eine Totengedenkfeier für die in diesem Jahr Gestorbenen gehalten wird.

Da sind wir nun gewesen und so würdig, wie dort im Februar die Trauerfeier für Dich begangen wurde, so liebevoll, respektvoll und auch vorausschauend auf das Leben nach dem Überschreiten der Schwelle wurde jedes einzelne Leben betrachtet und in die Mitte der Gemeinde genommen.
Jeder der Angehörigen hat das sicher auf seine eigene Weise erlebt …
Für mich war es sehr anrührend und furchtbar traurig zugleich.

Ich wollte zuerst nicht zum Geburtstag fahren, weil wir beide letztes Jahr zusammen dort waren und es so gut hatten.
Du fandst es toll, mal ein Hotelzimmer zu buchen und freutest Dich wie ein Kind auf das Frühstück.
Es machte Dir auch gar nichts aus, das Zimmer mit mir zu teilen.
Komischerweise konnte ich lange nicht einschlafen in dieser Nacht.
Ich musste Deinem leisen Atem lauschen und fand rührend, wie schnell Du eingeschlafen warst.
Die Erinnerung daran tut so weh, dass ich dachte, ich halte es jetzt nicht aus, da zu sein – ohne Dich.
Aber die Endlichkeit unseres Lebens vor Augen, wollte ich dann doch jede Stunde nutzen und meine Lieben treffen.

So war das heute und übermüdet schicke ich Dir meine Mutterliebe, mein liebevoller, treusorgender und fleißiger Sohn.
Morgen schreib ich Dir noch ein wenig mehr über die Gedenkfeier.

Dein kleiner Garten

Mein liebster Simeon!

Eine liebe Freundin hat neulich gesagt, Dein Grab sieht aus wie ein kleiner Garten.
Wir haben ja den Hügel noch gelassen und einfach bepflanzt und Blumen gesät.
Das hab ich Dir schon erzählt.
Heute war ich da und machte alles sauber, harkte das Laub weg und die welken Triebe.
Aus unserem Garten nahm ich viele Lebensbaumzweige mit und legte sie auf die freien Stellen rings um die Pflanzen.
Alles sieht noch gar nicht sehr nach Winterruhe aus.
Sogar die Gänseblümchen blühen noch.
Die Geschwisterlichter brennen.
Mir tut so weh, Dein schönes Foto zu sehen, das wir in den Baum gehängt haben.
Über den Winter werde ich mir eine dauerhafte Lösung ausdenken, eine sehr schöne natürlich.
Zu Deinem Garten zu fahren und nicht zu Dir in Deine Wohnung, fühlt sich immer noch grausam an und falsch.
Kein Akzeptieren.

Heute zeige ich Dir ein Foto von meinem letzten Bild, dass ich als Fleißarbeit bezeichnet habe. Eine befriedigende Aufgabe aber und ich lasse es jetzt so.
Es ist fertig.

Mein lieber Sohn, ich schließe Dich in meine Arme, mein Herz und meine Seele sind bei Dir … voller starker Liebe!

img_20181123_211355.jpg