Die Trauer ist …

Mein liebster Simeon!

„Die Trauer ist die tiefste Ehre, die der Freude erwiesen werden kann.“

Der Satz hat es in sich, mein Schatz!
Wenn ich das Wort Freude durch Deinen Namen ersetze, dann macht er für mich Sinn.
Freude, die wir alle durch Dich hatten, die Du mitgebracht hast aus himmlischen Sphären.
Gleich am Anfang Deines Lebens, die Vielseitigkeit Deines Wesen schon ganz früh offenbart …
Am ersten Tag hattest Du etwas „Aufmüpfiges“ in Deiner Mimik, ich hab sogar ein Foto davon, Du schautest so entschieden aus Dir heraus.
Ich bin jetzt hier!
Dann warst Du einfach Baby, warst gehalten, behütet, abgeküsst und bis zur Erschöpfung von allen geliebt.
Es gibt Videos, wo wir uns nicht mehr einkriegen vor Rührung über Dich, wo wir nicht genug staunen können über Deine Schönheit, Deine Zartheit, Deinen Duft.
Jedes Fingerchen, jedes Härchen, jedes Recken und Strecken, jeder Mucks von Dir war ein Naturereignis, dem wir alle uns hingegeben haben.
Freude und Trauer sind zwei gleichstarke Gefühle, überwältigend in ihrer Intensität
und auch schwer auszuhalten.
Freude über meine Kinder, das Glück, sie bei mir als Mutter willkommen heißen zu dürfen, ist das Allerschönste, was mir in meinem Leben widerfahren ist.

Du hast uns die Ehre Deines Erdenlebens zuteil werden lassen.
Ich glaube doch, dass die Seelen sich dazu entscheiden.
Dafür danke ich Dir, mein Sohn, von ganzem Herzen.
Wenn meine unendliche Trauer nun Dich damit in Ehren hält, umso besser.
Ich höre ja nie auf, Dich zu lieben.

Dieses Katastrophenjahr hat heute ausgespielt, die letzten Stunden.
Ich werde niemals wieder denken, dass ein Jahr Gutes bringt.
Ich lasse es einfach sein, nichts wünschen und erwarten.
Alles passiert sowieso.

21 Quadratmeter

Mein liebster Simeon!

Heute habe ich keine Karte gezogen.
Stattdessen gemalt, weil mir doch jetzt 21 Quadratmeter Leinwand zur Verfügung stehen.
Im Ganzen werde ich sie nicht bearbeiten, sondern ich schneide mir Stücke ab in der Größe, die ich mir gerade zutraue und die vom Platz her zu bewältigen ist.
Das aktuelle Teil passt noch auf den Esstisch.
Ich zeig Dir unten ein Foto.

Heute Morgen hörte ich einen Satz, über den ich Dir gern morgen schreiben möchte, weil ich noch darüber nachdenke.
Hier ist er schon mal …

„Die Trauer ist die tiefste Ehre, die der Freude erwiesen werden kann.“

Weißt Du, ich habe einen Tag nicht geweint.
Und kann Dir nun aus „trockener“ Seele meine Liebe schicken …
Gute Nacht, mein lieber Schatz!

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Frida

Mein liebster Simeon!

Soll ich Dir mal erzählen, wie ich die Karten immer ziehe?
Ich schließe die Augen, denke ganz fest an Dich und bohre dann den Fingernagel in den Stapel. Die Karte, die unten liegt, nehme ich dann.
Und die ist bis jetzt immer der Hammer! Jedes Mal.
Denn nun habe ich Frida Kahlo gezogen …
Diese kleine starke Person.
Die im Bett liegend angefangen hat zu malen.
Unter Schmerzen, um nicht zu verzweifeln.

Kannst Du Dich erinnern, dass ich Dir im Januar meine neuen Sachen gezeigt habe und was Du dazu gesagt hast?
Die ersten 25 kleinen Bilder hab ich alle im Bett halb liegend gemalt, genau wie sie.

Nun steht da:

1. Genesung dauert ein Leben lang. Kunst gebierst du nicht ohne Schmerzen.
2. Die Kunst ist dein treuester Begleiter.
3. Kehre dein Inneres nach außen.

So! Keine weiteren Fragen!
Kommentarlos lasse ich das stehen, weil es nichts zu ergänzen gibt.
Alles ist klar.

Du bekommst von Deiner Patentante einen wunderschönen Kranz für Dein Grab.
Wie liebevoll sie ist!
Sie ist so wohltuend verständnisvoll, mitfühlend und treu und sie liebt Dich sehr.
Du löst in uns unglaublich viel Liebe aus, es geht hin und her, so sanft.
Du bist einfach großartig und ganz wunderbar!

Ich zeig Dir ein Bild, was ich übermalt habe.
Das kennst Du vielleicht noch nicht, oder?

dav

Pablo

Mein liebster Simeon!

Du rätst nicht, wen ich gestern gezogen habe!
Ausgerechnet Picasso, den ich so mag, seit ich seine Biografie genau wie van Goghs seinerzeit verschlang wie warmes Brot und ihn als facettenreichen Menschen mit unglaublichen Widersprüchen erkannte.
Picassos Schaffensdrang und sein Streben nach Unsterblichkeit gepaart mit einer oft gewagten Selbstinszenierung rangen mir Respekt ab.
Aber nicht unumstritten war sein Verhalten Frauen gegenüber …
Das habe ich mir früh geschworen, nicht so einem Macho zu verfallen, der rücksichtslos sein Geltungsbedürfnis befriedigt und absolut alles seiner Passion unterordnet.
Doch welche Unermüdlichkeit, welche Zuversicht, etwas Großes zu schaffen, trieb ihn an und weiter und weiter!
Das bewundere ich.
Er war eigentlich zu nichts Anderem als der Kunst geboren.

Diese drei Gedanken zu Leben/Werk/Inspiration sind wieder mal so Klasse!
Hör sie Dir an:

Zum Leben:          Wenn schon sonst nichts, dann sei produktiv.
Zum Werk:            Such dir so viele Stile aus, wie du Geliebte hast.
Zur Inspiration:    Erschaffe etwas, was der Nachahmung wert ist.

Wie er sich selbst sah … „wenn schon sonst nichts“ … war das ehrlich reflektiert?
Er hörte jedenfalls nicht auf zu malen bis zum Ende.
Das mit den vielen Stilen find ich gut, muss ja nicht an Geliebten festgemacht werden …
Ausprobieren – aber auch wirklich ALLES, das bahnt die Wege zum eigenen Schatz!
Das Beste ist der Tipp zur Inspiration!
Aufgrund seiner unerbittlichen Beharrlichkeit und der Suche nach sich selbst (wage ich zu behaupten) – seines fortwährenden Gebärens neuer Ideen – kam er auf Bildkompositionen und Malstile, die es vorher noch nicht gab und die seither von vielen Künstlern als Inspirationsquelle genutzt und weiterentwickelt wurden.
Wie unglaublich nachahmenswert!

Die Picasso-Karte ist gleich hier zu sehen, mein geliebter Sohn.
Irgendwann werden die auf ihr offenbarten Weisheiten in meine Seele fallen und mich in neue Gefilde führen, die ich dann aufmale und Dir zeige.

In Liebe
Deine Mutter

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Vincent

Mein liebster Simeon!

Gestern Abend habe ich noch eine Karte aus dem Künstlerorakel gezogen.
Es war die von Vincent van Gogh.
Da stand:
Bist du einmal auf etwas eingeschworen, dann bleibe ihm treu.
Das bezog ich auf meine jetzige Malweise und fand es genau richtig, weil ich das auch fühle.
Ich will das beibehalten, weil es mir Spaß macht.
Und weil das mein eigener, ganz allein von mir entwickelter Stil ist.
Ich male mir die Orte, wo ich sein will und schlüpfe da hinein.
Ich verdünnisiere mich, bin weg.

Das Zweite war:
Postume Anerkennung braucht Spuren auf Papier.
Siehst Du, ich nehme die ganze Zeit Papier, keine Leinwand, kämpfe mit dem Material.
Das gestrige Bild zum Beispiel ist auf grundiertem Packpapier gemalt.
Ein schlappriges Zeug, wellig, flatterig, ohne Kern und Halt.
Und ich möchte gern Erfolg haben mit meinen Bildern, das gestehe ich, aber schon vor meinem Tod.

Das Dritte als Inspiration:
Nutze das Tageslicht, um der Nacht ins Gesicht schauen zu können.
Meine Farben sind nur am Tage so leuchtend, wie ich sie haben will.
Wenn es dunkel wird, kann ich kein anständiges Foto mehr davon machen, alles wird anders.
Und ja, es stimmt. Ich kann gut schlafen, wenn ich tagsüber mein Bild fertig gekriegt habe.
Wenn meine Augen voll sind vom Schauen.
Ich sehe mir immer stundenlang die Bilder an und finde viele Dinge, die noch nicht „rund“ sind.
Bin ich satt davon, schlafe ich ein mit der Vorfreude, am nächsten Morgen weiter zu schauen.

Ich bin froh über das Orakel, liebster Schatz und Deine Prophezeihung hat sich erfüllt, die beiden Läden hielten was Wichtiges bereit, das geht auch weit über unsere Kommunikation hinaus.
Danke, mein teurer Sohn, ich liebe Dich!
Das Foto von dem Weihnachtsbild erscheint unten in einer unvollständigen Version, schlecht fotografiert mit Kunstlicht und lauter Schatten …
Vielleicht kannst Du trotzdem was damit anfangen.

dav

Es ist noch in Arbeit …

Zuflucht

Mein liebster Simeon!

Ich brauche noch Zeit. Viel davon …
Bis ich Deinen Tod akzeptiere.
Wann das sein wird weiß ich nicht, mein Schatz.
Solange muss ich/werde ich mir Zufluchten schaffen, um aus der Realität zu entfliehen.
Pathologisch?
Ach Quatsch!
Mir egal, was die Anderen sagen und wie sie das finden.

Ein Bild ist im Werden … mit Weihnachtsbaum, Engeln usw.
Ich habe gezeichnet, was da war und wir haben nun mal ein Bäumchen und die feinen Wollengel von Deiner Cousine hängen über`m Tisch.
Meine Zuflucht. Vergessen, was ist.
Ich zeig`s Dir morgen, finde das Kabel nicht zum Übertragen …

Ich lese Gedichte für mein gestorbenes Kind.
Sitze mit offenen Armen draußen, übervoll mit Mutterliebe und spüre … dass Du weg bist.
Morgen spüre ich vielleicht wieder was Anderes.
Unten siehst Du Deine Kette …

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Ewig …

Mein geliebter Sohn, liebster Simeon …

… mein Kleiner wollte ich noch sagen, aber Du würdest lachen …
Ich bin so welk vom Weinen und überhaupt.
Tausendmal die kleinen Videos von vor einem Jahr angeschaut.
Als wäre es gestern oder vorhin, so lebendig und schön!
Was kann ich Dir schreiben, außer dass mein Herz fast bricht vor Liebe?
Weihnachten ist ja DAS Fest der Liebe, ich weiß.
Aber man muss nicht feiern, was man das ganze Jahr über sowieso tut.
Jeden Tag und immer schon …

Heute war mir mein „Ich“ zu viel, ich wollte mich nur noch aus mir herauswinden, an Dich denken, einfach trauern, mich zu niemand Anderem gesellen.
Weg … fliegen … schweben … weit!
Ich war nicht „gesellschaftsfähig“, bin es jetzt noch nicht.

Allein für zwei Stunden … da wollte ich machen, wozu Du mir rätst.
Hab den Tisch abgeräumt, mein angefangenes Papier geholt und weiter gezeichnet … vorbereitet.
Nur bis dahin.
Damit ich mich freue auf die Fortsetzung.
Auf die Farben.

Das ist der Punkt, mit dem ich heute begonnen habe.
(Weißt Du noch? Kandinsky!)
Der Punkt, in den ich nicht zu viel hinein interpretieren darf, an dem mein Anspruch sich mal zusammenreißen muss, damit ich nicht kneife und den Mut verliere!
Es ist noch überhaupt gar nicht dran, ein neues Leben zu kreieren, ich bin ja noch gar nicht fertig mit Trauern.
Ich muss vielleicht einfach immer nur malen.
Dann bin ich bei Dir und halte das Vermissen aus.

Manchmal erhasche ich ein Fetzchen von Licht, ein Minütchen Glück, wo ich Dich höre, sehe … rieche … mich besinne …
Was ein schnödes Blatt Papier alles so vermag!

Die Kette hängt im Baum, zeigt ihr schönes Gesicht dem Wind und singt ein Lied von der ewigen Liebe.
Wie ich von Dir singe, mein Kleiner!