Zurechtgerückt

Nun ist alles wieder gut, mein liebster Simeon!

Die „Rüttelplattenphase“ ist vorbei.
Mir ist klar, dass wir, Deine Familie, am allerbesten spüren und wissen, was Sache ist.
Wie wir Erlebnisse, Träume, kleine Begebenheiten rund um Dich, mein  Schatz, einzuordnen haben.
Wir machen das alles schon ganz gut und kommen zurecht.
Ich weiß auch nicht, was mich dazu bewogen hat, zu einer wildfremden Person zu gehen, die meint, alles zu wissen über die Seelenwelt und noch dazu Geld nimmt, wenn sie was „gucken“ lässt.
Eine Lehre war mir das und ein Impuls, die eigene Position zu bestimmen und Vertrauen zu haben.
Wir erfahren doch alles, was wir wissen wollen.
Das mit der Geduld ist der springende Punkt, ich hab`s Dir bereits gesagt.
Unsere Familie ist so groß und stark und Du bist immer ein Teil von uns.
Behutsam werden wir sein und voller Liebe für Dich, wie Du auch uns beschenkst.
Ich fühle mich so lieb zurechtgerückt, wieder in der Spur.
Dankbar, kraftvoll, hingegeben an das, was ich nicht ändern kann.
Wir alle nicht.
Ich glaube, morgen male ich wieder, so eine Vorfreude beschleicht mich.
Das Stricken ist aber auch okay.
Fühl Dich umarmt, geherzt, beschützt und sicher in unserer Liebe!

Hier nochmal Vorher/Nachher … ein Fetzten Packpapier zuerst, nachher doch ein Bild …

 

Muse

Mein liebster Simeon!

Was ich alles mit Dir besprechen will!
So viel und es hört nicht auf. Immer wieder fällt mir was ein.
Heute will ich Dir genauer erzählen, wie wichtig mir die Rückkopplungen sind.
Die Anschlüsse an Vergangenes.
Aber nicht, um dort zu verweilen und zu leiden, weil es vorbei ist, was da geschah, sondern um meinen roten (Lebens)-Faden wieder aufzunehmen und ihm weiter zu folgen.
Ich sehe jetzt ein, dass nicht mein komplettes „altes“ Leben futsch ist, sondern dass es immer etwas darin gab, was es wert ist, fortgeführt zu werden.

Strategien, um eine Tragödie zu überleben, sind wichtig. Und dabei ständig wach und flexibel zu bleiben auch.
Denn wie ich Dir bereits erzählte, funktioniert nicht immer alles reibungslos.
Diese Rückkopplungen aber, die sind einfach goldwert!
Nicht nur geben sie mir das Gefühl der Selbstbestimmung, sie entfalten auch noch
Entwicklungspotential.
Ich wandere in der Zeit und das allein ist schon grandios!
Meine früheren Gefühle und alles, was noch in mir abging damals … Gedanken, Taten, künstlerischer Schaffensdrang, alles, was mich einst belebte und glücklich machte, wird wieder aktiv.
Wir haben ja so viele Möglichkeiten, weil wir mit den Sinnen gesegnet sind!
Gerüche allein sind wertvolle Begleiter. Sie können beamen.
Man riecht was und ist drin in der schönen Erinnerung … oder auch der fiesen.
Ich spreche aber hier von den lebensvollen, bejahenden Bruchstücken.
Und angedockt daran, lässt sich daraus etwas Neues, etwas Helfendes, etwas Höheres entwerfen.

Ich meine heute konkret die Musik von Muse.
Das Konzert vor 9 Jahren von dieser Band war das schönste, großartigste meines Lebens.
Die Konzertkarte ein Geschenk von euch Kindern zu meinem 50. Geburtstag.
Ich zitiere einen Freund Deines Bruders nach dem Ereignis: „Mein ganzer Körper besteht aus Glück, jede einzelne Zelle!“
Ja, so ging es mir auch.
Ich bin vor Freude so ausgerastet, dass ich um ein Haar über das Geländer in den Innenraum gestürzt wäre … (ich hatte ja einen Sitzplatz aufgrund meines Alters).
Aber Sitzen? Bei der geilen Mucke? Niemals!
Die ältere Frau neben mir war auch völlig außer sich.

Wie oft ich gemalt habe nach dieser Musik!
Ich fühlte mich denen so verbunden, hatte das Gefühl, sie verstehen mich und wie kann Musik eigentlich dieselbe Energie haben wie meine Bilder? …
Fand ich immer.
Interessant wäre, die drei mal zu treffen und ihnen die Bilder zu zeigen, ob das von ihrer Seite auch so wahrgenommen wird.

Ach, mein lieber Simi, auf diese Weise werde ich mein Leben nach Deinem Tod fortführen.
Ich werde hilfreiche Stützen ersinnen und eines Tages sagen:
Mein Leben war das Wunderbarste!
Weil es so viel Gutes gab.
Sei geherzt!

Pläne

Mein liebster Simeon!

In mir reifen Pläne, mein Sohn.
Nach einer Phase unter der Rüttelplatte (gestern und heute), stehe ich auf.
Zwar platt wie ein Stück Papier, aber meinen Kopf standhaft gen Himmel erhoben … in die Schneeflocken hinein, die fallen.
Gehalten und getragen von Erinnerungen an schöne Zeiten, ich warte auf das Glitzern, das ich letztes Jahr so bejubelte.
Und falls es diesen Winter kein Glitzern gibt, bejubele ich eben etwas Anderes.
Was, das werde ich dann wissen.

Tapfer will ich auch nach Sternen greifen, ich finde sie so weit weg und schier unerreichbar …
Aber Du kennst mich ja. Finde ich ein winziges Leuchten, ist das meins.
Meine/unsere Pläne für dieses Jahr sind groß und machbar.
Dafür brauchen wir viel Mut und Durchhaltekraft.
Es tut gut, sich da rein zu stürzen, Zuversicht zu fühlen, Aufgaben zu ersinnen, die
Struktur geben und Halt.

Einen Plan verrate ich Dir schon mal:
Aufgeräumt wird und entrümpelt, weggeschmissen, Luft gemacht!
Mindestens die Hälfte von dem Zeug, was ich angesammelt habe, brauche ich nicht.
Ballast, Bürde, Schwere, Kram.
Ich weiß, Du findest das gut.
Wie schön!
Hier hast Du meine Liebe!

Zwischenwelt

Mein liebster Simeon!

Du kannst soviel von mir bekommen, wie Du willst, soviel, wie Du nötig hast.
Mütter sind doch unerschöpflich freigiebig. Die allermeiste Zeit jedenfalls, wenn ich von mir ausgehe …
Bevor es in Selbstzerstörung umkippt.
Das will wohl niemand.
Ich habe heute etwas erlebt und muss Dir das deshalb jetzt so schreiben.
Zur rechten Zeit werde ich Dich entlassen können in Deine neue Welt, zu den neuen Aufgaben, die Du jetzt hast, wie es heißt.
Wie ich Dich schon mal ziehen lassen habe in Deine eigene Wohnung.
Ein wenig Geduld aber noch, mein Sohn.
Jeder Schritt, und sei er noch so winzig, will behutsam getan werden. Ein Fuß vor den anderen, nicht stolpern, nicht fallen.
Mit allem Beiwerk, allem ein Leben lang Mitgeschleppten nicht ins Straucheln kommen …
Und ganz wichtig! Das Tempo einlegen, was absolut das eigene ist.
Nicht antreiben, nicht drängeln lassen. Jeder muss das für sich selbst rausfinden.
In anderen Worten habe ich das hier schon öfter ausgedrückt, Du kannst Dich sicher erinnern.
Da ging´s um das Trauern, das individuelle Maß, die eigene Art usw.
Geduld zu haben ist nicht unbedingt die leichteste und überhaupt schon gar nicht eine meiner angeborenen Eigenschaften.
Aber Deine, Du warst darin so Klasse! Und jetzt lerne ich von Dir.
Nach dem Danke für die Ehre, Dich auf die Welt bringen zu dürfen, nun das Danke dafür.
Ja natürlich lernen immer Eltern und Kinder gegenseitig voneinander!
Immer!
Das nicht zu erkennen halte ich für sehr arrogant und den größten Fehler, den Eltern machen können.
In dieser schicksalhaften Zwischenwelt, in der ich jetzt also ausharre, bin ich lernwillig und freigiebig.
Voller Liebe für Dich, mein Schatz!

Nur noch …

… die Nähte, mein Schatz, dann hab ich`s geschafft.
Wie gut es war, eisern zu bleiben.
Heute Abend werde ich die Nachricht herausgeben, dass der Pullover fertig ist.
Nichts Weltbewegendes.
Keine große Sache, tiefsinnig auch nicht, keine philosophische, politische oder spirituelle oder sonst wie Mitteilung.
Nur durchgehalten.

Warum ich solch ein Gewese drum mache? Von wegen philosophisch … politisch und so?
Ich habe gestern so einen umfangreichen, engagierten und intelligenten Beitrag zum Zeitgeschehen gelesen.
Wie gut, dass Menschen ihre Meinung sagen!
Das ist wichtig.
Jeder von uns tut, was er kann. Und es ist eine Sache des Wollens.
Wenn man nicht will, tut man auch nichts, nicht mal „Hallo“ sagen.
Ich wollte einfach nur durchhalten.
Hab ich.
Was ich noch hab?
Dich lieb.

Zurück

Mein liebster Simeon!

Weißt Du, ich stricke gerade den Pullover, der eigentlich für Dich hätte sein müssen, der nun für den Freund Deines Bruders ist.
Dieser Pullover ist mein Lehrstück.
Heute ist mir klar geworden, dass er für die Zeit steht, die wir beide miteinander hatten.
Es schleichen sich so viele Fehler beim Stricken ein, weil ich unkonzentriert bin, mit den Gedanken woanders, weil ich mich ablenken lasse.
Gestern habe ich die Arbeit einer Woche komplett aufgeräppelt.
Nun doch mit Mut.
Denn ich will an diesem Stück alles richtig machen.
Jeden kleinen Fehler ausmerzen.
Egal, wie lange es dauert.

Mir ist das so wichtig, weil doch tief in mir der sehnsüchtige Wunsch lebt, nochmal zurückwandern zu können in der Zeit, Versäumnisse nachzuholen, falsche Handlungen zu korrigieren, Löcher zu vermeiden, ein gutes zufriedenstellendes Ergebnis zu schaffen … Glück zu kreieren, Missgeschicke zu verwandeln, Gesagtes wieder zu verschlucken … einfach alles nochmal, nur besser.
Aber das geht ja nicht, mein Kleiner.

Wenigstens bleibt mir der Pullover, der so perfekt werden kann, wie ich es will und wie es auch in der Anleitung steht.
(Die übrigens unvollkommen wie das Leben selbst ist, weil sie Stolpersteine innehat, die auch bei höchster Konzentration plötzlich im Weg liegen.)
Ein Lehrstück: ich habe nicht Schuld, ich suche mir den Weg selbst, finde Lösungen.

Der Unterschied zur Realität: ich kann komplett eine Woche oder mehr zurück, um zu korrigieren.
Ein Glück.
Weißt Du, mein Schatz, das könnte mich traurig machen, doch ich sehe es als Chance zu erkennen, was ich ändern kann und was nicht.
Das ist doch gut … traurig bin ich sowieso.
Aber diese „Kleinigkeiten“ sind Schritte in mein neues Leben.
Ich sehe ein, dass ich in mein altes nicht mehr zurück kann.
Mein geliebtes Kind!

IMG_20190114_105722.jpg

Für Sekunden

Mein liebster Simeon!

Manchmal passieren merkwürdige Dinge – so wie eben.
Ich saß draußen auf der Bank im milden Nieselregen und fühlte mich für Sekunden in mein altes Leben zurückversetzt, in dem nichts von alledem geschehen war.
Ich war heil, rundum ruhig und glücklich.
Dann plötzlich Stille.
Die Vogelschar im nahen Strauch hörte auf einen Schlag auf zu zwitschern.
Da wusste ich es wieder:
Ich bin nun eine von den Müttern, die ein Kind verloren haben.
Eins meiner Kinder lebt nicht mehr hier, ist aus meinem Blick für immer verschwunden.
Aber mein Herz, mein Sohn, mein lieber feiner Sohn, mein Herz ist so groß geworden und meine Seelenaugen so blank und fokussierend, dass nichts von Dir wirklich verschwunden ist.
Hören, Sehen, Fühlen, mein Schatz, das alles funktioniert hervorragend und diese drei Fähigkeiten ermöglichen mir ein Zusammensein mit Dir, wenn meine Sehnsucht mich fressen will.
An diesem heutigen Sonntag spreche ich Deinen wunderschönen Namen aus und er tröstet mich.
Du tröstest mich!
Wir, Deine Familie, haben uns für dieses Jahr etwas vorgenommen, etwas Neues.
Etwas, in das wir uns hineinwerfen, um es zu erschaffen.
Es wird eine Herausforderung, viel Arbeit.
Seit Neujahr sind wir da dran und es wird uns Kraft abverlangen.
Die wir haben.
Und ich weiß, dass wir uns getragen fühlen werden, dass Du dabei bist!
Nicht nur für Sekunden!
Mein Sohn!