Sommerzeit? Winterzeit?

Mein liebster Simeon!

Heute auf der Rückfahrt, die länger gedauert als die Hinfahrt, habe ich über die Zeitumstellung nachgedacht. Die wir ja schon lange praktizieren.
Viele Menschen finden das Umstellen lästig und überflüssig, wollen es abschaffen und so haben wie früher.

Die Argumente von Eltern, dass die Kleinen nicht zum Schlafen kommen, kann ich nicht mittragen, weil ich die Kinderzeit meiner Kinder im Nachhinein viel zu kurz fand.
Na klar ist es anstrengend, wenn die Zeit für einen selbst immer kürzer wird durch aufgedrehte kleine Mäuse, aber wie gern möchte ich diese wache Zeit jetzt zurückhaben, gerade mit Dir, Simeon, der Du für immer gegangen bist.

Als es heute immer später wurde, ich immer noch fahren musste und immer noch alles hell war und die Sonne schien, wollte ich vor Dankbarkeit weinen.
Weil mich auf einmal die Erkenntnis überkam, dass dieses AnDerUhrDrehen … eine Stunde vor und wie stellen wir sie nochmal im Oktober wieder um?
Vor oder zurück, man vergisst das … Also diese Willkür, der Zeit gewissermaßen ein Schnippchen zu schlagen, um Vorteile davon zu haben, das Allerallereinzige ist, was wir mit der Zeit machen können.
Und das fand ich so toll, sonst geht ja nichts, auch wenn ich noch so flehe um ein paar Minuten mit Dir!
Außerdem liebe ich diese verlängerten Abende, besonders im Frühling, wenn die Natur explodiert und man so die Schnauze voll hat von Kälte und Dunkelheit!
Ich bin dafür, dass Sommerzeit und Winterzeit immer wieder umgestellt werden, mein Sohn.
So, damit das klar ist. Einfürallemal!
Und jetzt gute Nacht, ich liebe Dich.

Durch den Frühling

Mein liebster Simeon!

Mal sehen, ob ich es noch schaffe, diesen Brief an Dich bis Mitternacht fertig zu haben.
Ich bin ja grad bei meiner Mutter und meine „normale“ Bettgeh- und Schreibzeit ist bereits überschritten. Mehrere Stunden!

Auf der Fahrt hierher war überall Frühling, ich musste Umwege nehmen, weil Baustellen und dichter Verkehr das verlangten.
Aber so gewann ich Zeit, um die zarten Farben des Frühlings wahrzunehmen, mich über die vertraute Landschaft zu freuen, natürlich wie immer beim Autofahren mit Dir zu reden, viel Kummer und Tränen rauszulassen.
Was da alles zutage kommt, welche unausgesprochen Worte aus mir fließen!
Ach, wie wenig ich erst von alldem Schrecklichen verstanden habe!
Das tendiert gegen NULL.
Durch den Frühling bin ich getobt und geschlichen, kam vorwärts und blieb stehen.
Mein staubiges Auto gab mir Hülle und Sicherheit.

Ich war verletzt, als mich ein Mensch, der zur Familie gehört, den ich aber noch nie zuvor gesehen hatte, verspottete:
„Wann hast du den denn das letzte Mal gewaschen, vor einem Jahr???“
Vor einigen Tagen war die Wäsche, aber was weiß der schon von staubtrockenen Feldern auf dem Dorf! Und dem ganzen Wind!
Er sollte einfach nicht meinen wichtigen Ort entweihen durch so eine völlig überflüssige Bemerkung. So! Basta!

Sensibilität für Unsensibles, unbedacht daher Geplappertes! Mein tägliches Lernen.
Kann sehr anstrengend sein, sag ich Dir!
Ich wünsche mir ein dickeres Fell trotz der schönen warmen Frühlingssonne!
Auf jeden Fall aber ist es schön hier bei meiner Mutter und wir genießen unser Zusammensein.
Bis morgen, geliebter Sohn!
Dann werde ich wieder wundersam im Auto mit Dir sprechen.
Auf der Rückfahrt.

Heute vor einem Jahr

Mein liebster Simeon!

Heute vor einem Jahr habe ich an alle, die hier mitlesen, geschrieben, dass sie sich meine Trauer bitte nicht antun sollen, wenn sie das nicht aushalten können und dass es mir um Dich geht.
Dass ich mir sicher bin, Du wirkst noch weiter in dieser Welt.

Du bist mir, Du bist uns allen nah.
Und doch so fern. In Deinem Seelenleben.
Wir müssen es aushalten, Dich nicht mehr bei uns zu haben.
Daran hat sich nichts geändert und es fällt mir schwer, „verwaist“ zu sein.
Den Ausdruck für Eltern gibt es ja nicht.
Seltsam, nicht wahr, dass in all den Menschenjahren noch kein Wort dafür gefunden wurde …
Ich möchte aber selbst keins dafür ersinnen, einfach nicht drin!
Der Auferstehungssonntag der christlichen Kirche ist fast wieder da.
Wir werden wohl Sonne haben und Wärme, an was Anderes mag ich nicht denken.
Mit Jesus habe ich es immer noch schwer.

Bis morgen, mein Schatz!

Nachmittagsschlaf

Mein liebster Simeon!

Heute an unserem 27. Hochzeitstag musste ich natürlich an die Zeit vor zwei Jahren denken, als Du und Deine Schwester das Haus und den Hund gehütet hattet und alles so picobello war, als wir von uns unserer kleinen Silberhochzeitsreise zurückkamen.
Das war eine schöne Überraschung!
Sogar der Weg draußen war unkrautfrei und sauber.
Eine unbefriedigende Arbeit, die ich nicht mag, hattet ihr mir da abgenommen.

Und heute ist alles anders.
Ich fühle mich glücklich, mit Deinem wunderbaren Vater verheiratet zu sein, aber wir sind unvollständig.
Vor lauter Kummer habe ich eine Schlafpause eingelegt, aus der ich kaum wieder herausfand.
Völlig aus meiner Mitte fühlte ich mich gerissen, schlapp und erledigt.
Der Schlaf ähnelte einer Achterbahnfahrt aus Kapriolen, heftigstem Schleudern mit hochgerissenen Armen …
Mir waren die Gliedmaßen eingeschlafen, alles tat weh und mein Hirn arbeitete nicht, als ich wieder zu mir kam.
Wilde Träume und immer gleich das Wissen, dass nichts mehr ist, wie es war.
Nein, ich bin kein Mittagsschlafmensch!!!

Eigentlich will ich meine Mutter besuchen, nur wenn ich so durch den Garten schlendere, den ich schon so aufgeräumt fand dieses Jahr, dann sehe ich an allen Ecken Hilfebedarf und kann mich nicht aufraffen, die Reise anzutreten.

In Frankreich brennt Notre Dame, ich glaube an keinen Renovierungsunfall.
Zu offensichtlich der Zeitpunkt und das Ausmaß der Zerstörung.
Das war ein Anschlag. Meine Meinung.
Perfide, abartig, abgrundtief böse.

Meinen Traum von Deinem Besuch hat heute unser Hund umgesetzt.
Er belagerte mich so inständig liebevoll …
Übrigens finde ich Träume von Dir nie uninteressant oder langweilig, ich kann sie mir stundenlang anhören, egal von wem.
Jedes Wort kommt in mein Herz, umfängt es warm und ich glühe vor Liebe!
Mein liebes Kind!

Sechskinder – Sechsecken

Mein liebster Simeon!

Heute kann ich Dir wieder ein Foto zeigen nach langer Zeit.
Ich habe den ersten Socken fertig, bei dem ich so oft an meine sechs Kinder denken konnte.
Weil es lauter Sechsecke sind, die ich gestrickt habe.
Am Anfang wusste ich nicht, wie die gehen, hab viel probiert und im Netz gesucht, weil die Anleitung (JA, ich stricke nach Anleitung!) aus einem englischen Buch ist. Und ich nicht so bewandert bin in dieser Sprache wie Du.
Die Socken hat Kirsten Hall aus Maryland entworfen und sie hat damit den 2. Platz belegt in einem Strickzeitschrift-Wettbewerb in den USA.
Das Buch heißt: Think Outside the SOX

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Ich weiß, dass Dich das gar nicht so interessiert.

Deshalb hab ich noch was vom Hund …
Gestern hat er mit Helge Bekanntschaft geschlossen, das ist der Hund meiner Freundin.
Helge ist ein halbes Jahr älter als Lenny, auch so süß.
Die beiden sind gerannt und gerannt, haben gebadet, sich im Dreck gewälzt und wieder gebadet,  weiter getobt, die Gegend unsicher gemacht und sich gegenseitig gejagt.
Ich glaube, unser Hund ist in seinem ganzen kurzen Leben noch nie so viel gelaufen wie gestern.
Heute hat er fast den ganzen Tag geschlafen … so kaputt.
Aber ich freue mich sehr, dass die beiden sich so gut verstanden haben!

Und noch was:
Nachdem ich gestern schrieb, von Dir kommen keine Zeichen mehr, träumte ich gegen Morgen von Dir.
Du sagtest, Du wärst nicht tot und kommst bald auf Besuch.
Welche Freude!
Du standst inmitten einer Gruppe junger Leute, fest umschlossen. Sahst schön und glücklich aus.
Mir sollte jemand sagen, was ich alles tun soll, damit Du wirklich Deinen Besuch machen kannst.
Ich hab ganz geduldig gewartet, aber niemand hat mir die entscheidenden Dinge verraten, sie waren alle mit Dir beschäftigt und dann bin ich erwacht.
Ach ja, wenigstens konnte ich Dich sehen und mich auf Dich freuen im Traum.
Ich war auch voller Vertrauen, dass ich eingeweiht werde.
Schwer sollte es nicht sein, was ich zu erledigen hätte, Du hast ja gemeint, ich kriege das locker hin.
Ich denke noch drüber nach, mein Schatz.
Was das zu bedeuten hat.
Findest Du auch, es ist das Langweiligste der Welt, wenn man von jemandem die Träume erzählt bekommt?
Ich hoffe nicht.
Viel Licht und Liebe!!!

„Das kriegst du aus`m Herzen nich mehr raus…“

Mein liebster Simeon!

Die Zeile stammt aus einem Liedtext von AnnenMayKantereit.
Sieben Jahre heißt der Song.
Ich krieg das Warten auf Dich, die Sehnsucht, das Vermissen, den ganzen Scheiß-Schmerz auch nicht mehr raus aus mir.
Wie sich Deine Zeichen, die am Anfang so deutlich waren, verflüchtigt haben!
Sie passten so zu Dir, waren so spielerisch und auf Technik ausgerichtet, was Dir leicht fiel im Leben.
Nun denke ich, dass Du weiter weg bist als noch vor einem Jahr.
Für mich hat sich nichts geändert.
Wenn es für Dich leichter geworden ist, umso besser!
Das soll mir genügen und eine Freude sein.
Von Herzen wünsche ich, es möge Dir gut gehen, mein geliebter Schatz!

Kein guter Tag

Mein liebster Simeon!

Aber nicht alles an diesem Tag war doof.
Deine Schwester ist wieder da und das ist schön.

Mir sprang heute morgen ein Satz ins Hirn:
„Und sie schauen zu mit ihren engstirnigen Urteilen und tun so, als hätten sie an unserer Stelle alles anders gemacht.“ 
Und niemand zieht mal die Schuhe des Anderen an, um nach seiner Art zu gehen oder zumindest auf seiner Basis zu stehen und sich hineinzuversetzen in das andere Leben. Um von da aus überhaupt erst verstehen zu können.
Ohne das ist doch alles sinnlos.
Da wird der Weg gebahnt für Oberflächlichkeit, Kleingeist, Raserei und Brutalität.

Die Aussage hat mich sehr bewegt, weil sie viele gesellschaftliche Erlebnisse und Eindrücke zusammenfasst, die ich vor zehn Jahren hatte und die mich an dem Guten im Menschen zweifeln ließen.
Schnee von gestern … längst getaut … doch die Kerben und Riefen, die entstanden sind, bleiben.
Du weißt, was ich meine.

Vielleicht gar nicht dran rühren, einen Berg Erde drüber und Schluss.
Mit diesem Problem funktioniert das zum Glück.
Das zu vergessen, hast Du mir schon mal geraten.
Dann will ich das auch tun.

Gute Nacht, mein Schatz!